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Werkleitz Festival 2013: Utopien vermeiden!

Die Werkleitz Gesellschaft feiert ihren 20. Geburtstag mit einem Jubil√§umsfestival: 12-27. Oktober 2013, Holtzplatz 1/Technikhalle, Halle (Saale). Und ich freue mich riesig darauf, weil ich zwei Filmprogramme und vier K√ľnstler/innen einladen durfte! Meine Programme laufen am 18. Oktober im Festivalkino – kommt unbedingt vorbei!

“Werkleitz ist 1993 in einer Zeit gro√üer Umbr√ľche gegr√ľndet worden. Durch den Fall der Mauer und den Zusammenbruch der Diktaturen in Osteuropa entstand eine euphorische Hinwendung zur Demokratie, die weit √ľber Europa hinaus strahlte. Zur gleichen Zeit begann der Aufstieg des World Wide Web zur zentralen, zukunftsweisenden Technologie, die eine offene Kommunikation f√ľr alle Menschen zu versprechen schien. Diese Aufbruchstimmung spiegelt sich auch in der Gr√ľndung von Werkleitz als Kollektiv mit flachen Hierarchien, kollektivem kuratorischen Ansatz und europaweiten Kooperationen. Anfang der 1990er Jahre wurden aber auch die Finanzm√§rkte dereguliert. Der Nationalstaat als zentraler Souver√§n der Gesellschaft zieht sich seitdem durch verordnete Sparzw√§nge aus der gesellschaftlichen Gestaltung zur√ľck. √Ėkonomischer Druck und die damit verbundenen √Ąngste f√ľhren in vielen L√§ndern Europas zu antidemokratischen Bewegungen, der Traum der europ√§ischen Einigung ist verschwunden. Werkleitz nimmt sein 20-j√§hriges Bestehen zum Anlass, diese gegenl√§ufigen Prozesse zu reflektieren. 20 Kuratoren sind eingeladen, jeweils eine neu entwickelte Arbeit in einem Ausstellungsparcours, in Film- und Performanceprogrammen sowie einem Symposion in Halle zu pr√§sentieren und zu diskutieren. Der Titel Utopien vermeiden basiert auf der gleichnamigen Neonleuchtschrift Martin Conraths aus der ersten Werkleitz Ausstellung von 1993 und steht f√ľr die Ambivalenz dieser letzten 20 Jahre.”

Freitag, 18.Okt, Festivalkino, 18:00: Streetism!
Vor Ort: Mathieu Tremblin & Vladimir Turner. Und Filme von Akay, Love & Security, Sebastian Haslauer, Nug & Pike, Ivan Argote, Brad Downey, Jaroslav Kysa, Vojtńõch Fr√∂hlich, OndŇôej Mlad√Ĺ, Jan ҆im√°nek, Messieurs Delmotte, Leopold Kessler, Francis Al√Ņs, The Cleaning Unit.

Liebe K√ľnstler, verbrennt die Manifeste! Liebe Kuratoren, h√∂rt endlich auf immer neue Fragen zu stellen, die doch nie jemand beantworten kann. Und liebe Besucher und Zuschauer, lasst uns Utopien und immer neue Versprechungen vermeiden und konkretes Handeln favorisieren. Das Filmprogramm ‚ÄěSteetism!‚Äú stellt deshalb K√ľnstler vor, die anpacken. K√ľnstler, die raus auf die Stra√üe gehen, dorthin wo das Leben tobt, und versuchen, die Welt im Kleinen zu ver√§ndern. Es werden 18 Dokumentationen aus ganz Europa von Performances, Interventionen und Skulpturen im √∂ffentlichen Raum gezeigt, 18 individuelle Strategien, die mit viel Spa√ü und Spiel, eine k√ľnstlerische Formen des Widerstands darstellen. Denn Kultur entsteht durch Spiel ‚Äď den Spa√ü daran und die daraus entstehende Spannung. ‚ÄěDer Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt‚Äú, schrieb Friedrich Schiller. Und der niederl√§ndische Kulturhistoriker Johan Huizinga pr√§gte den Begriff ‚ÄěHomo ludens‚Äú, der spielende Mensch, der f√ľr die Streetart-K√ľnstler so beschreibend ist. Die Stadt selbst wird dabei zum Kunstwerk, das frei gestaltet wird und quasi als Laboratorium f√ľr eine spielerische Revolutionierung des Alltags dient. Matthieu Tremblin, Vladimir Turner, Brad Downey, Messieurs Delmotte, Francis Alys, R√©mi Gaillard und Ivan Argote dekorieren √úberwachungskameras mit Fr√ľchten, k√∂pfen Rosen, bemalen die U-Bahn mit ihrem nackten K√∂rper, zweckentfrenden eine Werbefl√§che zu einem Kettenkarussel und barrikadieren mit Tauben die Einkaufsl√§den. Die K√ľnstler spielen dabei nicht nur mit dem Stadtraum und den Bewohnern, sondern mit der gesamten Kunstgeschichte: Ein Schuss Spontaneit√§t der Situationisten, ein paar choreografische Fluxus-Elemente, ein bisschen Land-Art, eine Dosis Dada-Absurdit√§t, verquirlt mit Ready-Mades und Minimalismus ‚Äď fertig ist das Street-art-Ňíuvre. Das Filmprogramm soll nicht nur Aktionen pr√§sentieren, sondern auch den Zuschauer anstiften und aktivieren. Denn Kunst sollte nicht in Museen weggesperrt werden oder tempor√§r auf Festival zu sehen sein, sondern zur Allt√§glichkeit werden.

Freitag, 18.Okt, Festivalkino, 21:00: Gefangen im Paradies
Vor Ort & Filme von: Barbara Visser (“C.K.”), Alain della Negra (“How much is the rain”)

“Was mich fasziniert, ist die Tatsache, dass Freiheit im Grunde genommen eine Illusion ist. Und das gilt f√ľr K√ľnstler, Buchhalter oder Kriminelle‚Äú, sagt die niederl√§ndische K√ľnstlerin Barbara Visser. Und Alain della Negra, ein franz√∂sischer K√ľnstler, sp√ľrt in seinen Filmen stets manische Utopisten auf, von den obsessiven Schamanen, √ľber Furry-Fans bis zur Regenbogen-Sekte. Das Filmprogramm ‚ÄěGefangen im Paradies‚Äú pr√§sentiert zwei wahre Begebenheiten, dokumentiert von zwei K√ľnstlern. Clemens K., langj√§hriger Buchhalter der niederl√§ndischen Kunst- und Kultustiftung, bucht 16 Millionen Euro auf sein eigenes Konto und verschwindet danach komplett von der Bildfl√§che. Visser verfolgt in ihrer spannenden und preisgekr√∂nten Dokumentation den Betr√ľger bis nach Thailand, seinem selbstgew√§hlten Zufluchtsort. Ihre akribische Recherche blickt mit k√ľnstlerischen Mitteln auf die Beweggr√ľnde und interviewt Freunde und Kollegen, die geschockt, verwirrt, besch√§mt und w√ľtend zur√ľck bleiben. Und della Negra hat f√ľr seinen neusten Film ‚ÄěHow much rain‚Äú die Regenbogen-Sekte nach Mexiko begleitet. Die Regenbogen-Krieger kleiden sich in einer einzigen Regenbogenfarbe, schlafen in einer solch monochromen H√ľtte und essen auch nur Nahrungsmittel in derselben Farbe. Sie wechseln die Farbe je nach Stimmung, manche jeden Monat, manche nur ein paar Mal im Jahr. Della Negra nimmt uns mit in eine Welt, deren vermeindliche Freiheit auch hier zu einem selbstgew√§hlten Gef√§gnis wird.

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