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Tag Kritik

Serie: El schreibt über Graffiti #1

Und noch eine neue Serie: In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti. Um Kommentare und eine hitzige Diskussionen wird ausdrücklich gebeten…

Vandal Café #3 mit SCUM a.k.a. Der Tote General – “STYLEWRITING und die GLOBALE SOZIALE PLASTIK”

Ich kam ein bisschen zu spät, aber das hat für diesen Text den Vorteil, dass er sich nur zur Hälfte aus meiner Teilnahme speist, und zur anderen Hälfte aus den Gesprächen über den Vortrag.

Ich komme also abgehetzt im Cafe Wendel an und sehe diesen toll verkleideten Typen, vor einer Graffiti-Wand. Der erzählt, dass die Gewalt der Welt in künstlerische Konflikte umgeleitet werden muss. Dass er ein bisschen wie ein Waldorf-Lehrer klingt, liegt vielleicht auch daran, dass er selbst auf einer Waldorfschule war. Im Verlauf des Vortrages macht er sich auch zum Verfechter von Waldorfpädagogik und der politischen Forderung des bedingungslosen Grundeinkommens. Für mich war das fast so etwas wie ein trauriges Fazit des Vortrags: Graffiti als Gewalttherapie und Grundeinkommen als Optimierung der Gesellschaft.

Bei der Vorstellung der Kanalisierung von Konflikten geht es in etwa darum, nicht mehr, wie in dunklen Zeiten qua Geburt oder gewonnener kriegerischer Auseinandersetzung ein König zu werden, sondern heute wird einfach geübt und geübt und am Ende bist du King. Zum Beispiel in der Buchstabengestaltung. Damit das nicht klingt wie die Sozialisierungsprogramme des legalen Writings, wo die kriminellen Sprüher ermuntert werden, ihr Talent in bare Münze zu verwandeln, zum Beispiel durch Malaufträge oder Gebrauchsgrafik, macht er es rein zum therapeutischen Programm, ohne lukrative Aussichten. Ganz als bräuchte die schwer erklärbare und so oft unsichtbare Gewalt nur endlich einen sichtbaren Zweck um sich in Wohlgefallen aufzulösen.

Die Vorstellung einer zweck- und sinnfreien Gewalttätigkeit heutiger Gesellschaft wird dem Vortragenden nur insofern unterstellt, als dass sie sich aus seiner Darstellung ableitet. Das Kunststück möge gelingen: Gewalt ventilisieren durch Style-Battle, wirtschaftlichen Druck abfedern durch Grundeinkommen? Funktionieren würde das natürlich eh nur für arme Menschen, müsste man zynisch anmerken, denn Beats not Bombs interessiert als Motto nur Menschen, die sich keine Bomben zum Durchsetzen von Interesse leisten kšnnen. Doch auch ganz ernsthaft: die Vorstellung eines Grundeinkommens als sozialen und ökonomischen Allheilmittels mag sich wem der Geschmack nach so etwas steht zu eigen machen, doch die Kunst derart zur sozialtherapeutischen Methode zu degradieren, dagegen verwehre ich mich, als Anhänger der Kunst und ihrer autonomen Ästhetik.

Auf den ausliegenden Zetteln steht unter der Überschrift “Die Globale Soziale Plastik” in drei Spalten:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Geist, Seele, Körper
Bildung, Recht, Handeln
Denken, Fühlen, Wollen
Kopf, Brust, Bauch
Feuer, Luft, Wasser
Krone, Stamm, Wurzel

Konkurrenz gibt es in der Sozialen Plastik also nicht, genauso wenig wie Arbeit. Die Leute sind einfach Körper, gleich, frei und brüderlich, die etwas wollen, die mit der Seele etwas fühlen, und mit etwas Bildung den Geist zum Denken bringen. So fasse ich ein Schema zusammen, das sicher selbst eine größere Vorstellung zusammenfasst. Ich will diese Abstraktionen nicht weiter bemühen, es würde dem Gedanken dahinter wahrscheinlich nicht gerecht. Was jedoch hervortritt, wenn wir uns diese Begriffe vorhalten, ist dass sie wohl eine idealisierte Kultur der Harmonie beschreiben sollen. In diesen Ansichten ist Graffiti keine rebellische, riskante, unangepasste und oft auch sehr fetischisierte und traditionsverpflichtete Subkultur, sondern wird in diese Harmonie als soziales Überdruckventil eingebaut. Die Kunst wird nur scheinbar politisch betrachtet, am Ende wird sie unpolitisch, die Konflikte in ihr werden als Mittel zur sozialen Befriedung verstanden, das Ende der Geschichte ist da, es muss nurnoch für Ruhe gesorgt werden… Das wäre eine traurige Vorstellung, und ich hoffe dass derartiges Graffiti nur an Waldorfschulen stattfindet, und dass echtes Graffiti eine stadtgestaltende Jugend- bzw. Subkultur bleibt, und sich in vielfältigste Formen weiterentwickelt (was es ja bereits und beständig tut). Und dass das soziale Prinzip der Kooperation und Kollektivität, wie es in den Crews und Szenen, unterschiedlichste kulturelle Tätigkeiten vereinend, an der Tagesordnung steht, in die Gesellschaft wirkt und sich ausweitet. Statt sich umgekehrt von einer zur Natur des Menschen erklärten Konkurrenzkultur der Industriekultur bzw. Kulturindustrie vereinnahmen zu lassen.

Mr. Jones, Sublime & Rotzfrech: Guerilla-Aktion gegen Stroke02

Guerilla-Aktion auf der Street Art-Messe Stroke.02 von Mr. Jones, Sublime & Rotzfrech-Posse: “Wir kritisieren damit nicht die Künstler oder Galerien, sondern die Veranstalter die extrem hohe Mieten von Ausstellern verlangen und auf der anderen Seite extrem hohe Eintrittspreise. Liebe Veranstalter der Stroke02: man merkt leider das es hier mehr um die Liebe zum Geld, als um die Liebe zur Kunst geht. Schämt euch!”

Dazu gibt’s einen schönen Artikel von Gregor Josse (Zeitjung): “Paradox trifft es vielleicht am ehesten. Subversive Kunst auf der Autobahn der Kommerzialisierung, inszeniert im Gebäude der ehemaligen Landeszentralbank in der Schickeria-Hochburg München. Es fällt schwer, diesen Satz nicht mit einem Fragezeichen zu beenden. Aber genau das fand statt von 27. bis 30. Mai auf der Stroke.02, der – nach dem Auftakt vergangenen Oktober – zweiten Urban Art-Messe. Mit ihrem Konzept betreten die Macher Marco und Raiko Schwalbe Neuland, denn so etwas gab es noch nie, nicht in New York und auch sonst nirgendwo.

 Nur ist die Stroke, auch wenn das der vollgetaggte Deckmantel allzu gerne verschleiert, eben eine Messe, ein Business-Event. Keine Schlipse, keine Aktenkoffer, aber deswegen nicht weniger Händeschütteln und auch nicht weniger Händereiben. Denn der Rubel rollt, was an sich nicht verwerflich ist, aber nicht zur Rebellion passt, die seit jeher dem Urtrieb der Urban Art, dem Graffiti, innewohnt.

 Unter der Tarnkappe des Subversiven geht hier eine ausgeklügelte Geschäftsidee hausieren. Eine, die ihren Besuchern zehn Euro Eintritt abknöpft und von den Künstlern respektive Galerien Standgebühren zwischen knapp 200 und 1300 Euro einheimst. Die Bilanz: über 55 Aussteller, rund 9.500 Gäste. Simple Mathematik verrät: Die Stroke ist eine Goldgrube. …
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Buchkritik: Street Art. Legenden zur Straße

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Mehr Bilder von Just hier.

Zuerst dachte ich: Oh, nein, nicht schon wieder ein Street-Art-Buch. Es gab in den letzten Jahren einfach einen Overkill an Pseudo-Postgraffiti-Büchern, für die irgendein zweitklassiger Fotograf durch die Berliner Straßen spazierte, alles was irgendwie nach Poster/Sticker/Stencil aussah fotografierte, und einem Verlag, nach subversiven und rebellischen Themen hechelnd, als neuer, heißer Scheiß aus Berlin verkaufte. Und die pappten dann alles zwischen zwei Buchdeckel und vermarktete es als “Art Street Berlin. Berliner Street Art in Berlin” (Bronco).

Dann die Überraschung: “Street Art. Legenden zur Straße” der beiden Herausgeber – der Soziologin Katrin Klitzke (promoviert laut Klappentext an der TU Hamburg-Harburg über partizipatorische Kunstprojekte im öffentlichen Raum) und Christian Schmidt (Historiker, Ethnologe und Mitarbeiter im Berliner Archiv der Jugendkulturen) ist zur Abwechslung mal kein Bilderbuch geworden, sondern ein richtiges Lesebuch. Endlich hat mal jemand verstanden, dass es dem – gar nicht mehr so jungen – Phänomen Street Art noch immer an Theroriefutter mangelt. Und das deshalb in jedem Text über Street Art immer wieder die unvermeidbaren Fußnoten auftauchen: Baudrillard, Dada, Situationisten, Kommunikationsguerilla.
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