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EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #9: “Feuerlöscher”

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik”; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“, #5: “Gesichter und Buchstaben, #6: “Graffiti als Soziales Medium”), #7: “Graffiti und Gentrifizierung“, #7: “Silberne Buchstaben in goldenem Licht“: und hier folgt #9: “Feuerlöscher”:

Über die großen mit Feuerlöschern geschriebenen Namen in der Stadt ließe sich wohl eine ähnliche Verherrlichung schreiben, wie im letzten Text über die ins Glas gekratzten Buchstaben in den Zügen. Ähnlich sind sie auf den ersten Blick etwas brutal aussehend. Ein Gewitter aus riesengroßer zitternder Schrift geht über der Stadt nieder. Doch dieses Mal soll es um ein paar Beispiele und Argumente gehen. Es lässt sich über den Kontrollverlust, der sich mit den auf Größe zielenden Feuerlöschertags verbindet, rege streiten, wie es beispielsweise Swit und Priez letztes Jahr taten, als das Graffiti Research Lab in Paris zu einer Podiumsdiskussion über Tags geladen hatte (Für diese und eine weitere Veranstaltung habe ich eine Zusammenfassung drüben im Just-Blog versucht).

Swit ist ein Sprüher, der jetzt Lightwriting macht, er inszeniert mit Langzeitbelichtung und Lampen abstrakte Formen und Buchstaben im Raum, rund um tanzende Menschen beispielsweise. Er meinte zu den aktuell auch in Paris auftauchenden großen Spritztags, dass sie für ihn aussähen wie großformatige Zerstörungslust und ihn an Urinmarkierungen erinnern würden. Irgendwer aus dem Publikum meinte dazu, dass in der Kunstwelt seit Duchamp selbst ein Pissoir ein Werk sein kann, warum dann den nicht auch eine Urinmarkierung. Das Problem ist jedoch, dass Swit gar kein Writer mehr sein will, er sagte er will Bilder machen. Ich komme auf die Argumente der Podiumsdiskussion zurück, doch zuerst zum Thema Vandalismus.

Der Vandalismusvorwurf ist nicht nur platt, sondern es wäre ihm einmal nachzugehen. So war einmal zu lesen, dass Cyprien Gaillard am Rande eines Interviews Banksy seine „Verfehlinterpretation von Vandalismus“ vorwarf, wie er das genau gemeint hat bleibt erstmal unklar, aber greifen wird das auf. Banksy hat vor circa zehn Jahren ein großes brutalistisches minimalistisches Betongebäude mit einem Feuerlöscher beschriftet. BORING hat er darauf geschrieben. Eine langweiligere Aktion ist eigentlich kaum vorstellbar. Der Künstler Banksy hat es sicher geschafft, eine ästhetische Geste auszuführen, einem banalen Kommentar eine ähnliche brutale Dimension zu geben wie das brutalistische Gebäude. Doch der Vandale Banksy verfälscht die Aktion dadurch, dass er ein Video davon mit getragener Musik unterlegt, um sich als den kleinen Mann ganz groß zu inszenieren, der mit roter Farbe die große graue Welt symbolisch besiegt. Er knüpft an das verbreitete Missverständnis gegenüber moderner Architektur an, dass sie menschenfeindlich sei, weil sie so ungestaltet sei (auch das Gegenteil ist wahr). Ein bisschen wie in einem Quetschenpaua-Song: „All die Städte sind so grau wie die Menschen die in ihnen wohnen / Und die Stadtdirektoren haben kein Interesse das zu betonen [...] Lass uns nie so werden denk ich und ich schreibe / Mit schwarzer Lackfarbe Scheiße an die Scheibe“. Es ist kein Vandalismus, es will populistische Kunst sein. Der Feuerlöscher eignet sich für derartige Symbolik sehr gut, so wie damals als Brad Downey abwaschbare grüne Farbe großflächig ans KaDeWe sprühte, als er eingeladen war, dort ein Schaufenster für Lacoste zu gestalten. Cyprien Gaillard hingegen hat auch mal ein Feuerlöscherkunstwerk gemacht, er zeigte wie aus Bäumen Nebelwolken abgefeuert wurden. Vielleicht ist das – im Feld der Kunst – näher am befreienden Moment des Vandalismus. Ein lustvolles Spiel mit sinnlosen vergänglichen Formen, Wolkenschubsen im Wald. Matias Faldbakken und Anders Nordby entluden auch einfach mal einen Feuerlöscher in einem Ausstellungsraum. Mehr im eigenen Bereich von Graffiti bleibend gab es lustvolle vandalistische Experimente, wie die Nackerten in Wien, die ihre eigenen Körper mittels Feuerlöscherfarbe auf Zügen abbildeten oder 0331C und Krink, die Bilder von Baumkronen und drippende Regenwolken aus Farbe in die Stadt spritzen.

Neuerdings hat auch Katharina Grosse nebenbei politische Kunst gesprüht, als sie die Graffiti, wuchernde Natur und heruntergekommene Gebäude an der Zuglinie zwischen New York und Philadelphia mit Farbe überziehen ließ. Denn nebenbei politisch ist dieses, sicher sehr beeindruckende, Farbspektakel, als Übertünchen von sozialen Konflikten, wie Sarah Kendzior kritisierte, die machtvoll groß angebrachte farbige Kulisse schiebt sich vor die Zustände am Rand und außerhalb der Metropolen.

Doch wie ging es in Paris auf der Podiumsdiskussion weiter? Zur Rettung der Feuerlöschertags kam dann auf dem Podium folgerichtig Julien Priez, ein professioneller Kalligraph, der auch aus der Graffitiszene kommt, aber eben einen anderen Weg eingeschlagen hat. Statt bunten leuchtenden Bildern übt er sich weiterhin im Formgeben von Buchstaben. Er verteidigte an den Tags gerade die Verformung der Buchstaben durch das grobe Schreibutensil des Feuerlöschers, meinte, dass in dieser Form des Writings noch mehr als bei der Sprühdose der Körper mit eingehen würde, da die Buchstaben so viel größer seien als die die sie schreiben.

Wenn wir dieser Idee folgen, ist es interessant sich anzusehen, wie unterschiedlich Namen im Graffiti mit den unterschiedlichen Werkzeugen geschrieben werden. Mit der Sprühdose wird eher die Buchstaben entlang getanzt, den der ganze Körper muss schreiben, die Hand hat eigentlich nur die Aufgabe den Druck zu regulieren, entlang der Hauptachsen der Buchstaben wird sich zusammengekauert und wieder gestreckt soweit der Körper kommen kann. Auf Dinge zu klettern oder einen Roller oder eine Dose an einen Stock zu binden, erschließt neue Bereiche der Wand. Wackelig wird es dann, wenn fünf Teleskopstangen mit Klebeband verbunden sind, um da oben was hinzuschreiben wo niemand hinklettern kann, und wohin auch nicht von der Dachkante aus zu kommen ist: der verführerische Punkt in der Mitte der Wand. Gerade in Berlin ist das besonders schwer, die vielen leeren Brandwände haben keinerlei Halt bietende Struktur für Pixação-mäßige Kletteraktionen. Die von Pixação beeinflussten Leute in Berlin seilten sich daher ab, um ihre wilden Buchstaben die Wand herab perlen zu lassen, dokumentiert in dem Film Berlin Kidz. Ihren präzisen und detailreichen Buchstabenstil konnten sie durchziehen, weil sie sich selbst an die Stelle transportiert haben. Der Feuerlöscher ist eine andere Lösung: auf Distanz zu schreiben, verdünnte Farbe mit hohem Druck durch eine modifizierte Düse an die Wand bringen. Es scheint nicht darum zu gehen, die großen grauen Gebäude zu markieren, wie bei dem BORING von Banksy, vielmehr bezieht es sich ganz selbst auf das Projekt Graffiti. Graffiti wuchert weiter, es wird größer, wie gesagt auch körperlich anders im Schreiben, und in seiner Schrift selbst körperlicher.

Pioniere waren hier wohl, wie bei Graffiti generell, Gangs und ihre Revierzeichen. In den 90er Jahren haben Gangs in Los Angeles vermehrt Feuerlöscher mit Farbe gefüllt um ihre Gebiete abzustecken, mehr dazu findet sich bei Susan Phillips: Wallbangin’: Graffiti and Gangs in L.A. Ähnlich wurde dann im Zuge von Occupy Oakland die Parole STRIKE sichtbarer geschrieben als mit einer Sprühdose. Der Unterschied im gegenwärtigen Graffiti ist wie erwähnt, dass es scheinbar mehr darum geht neue Gebiete und Formate auf der Wand selbst zu erschließen, vertikal und nicht horizontal wie beim Revier der Gang. Diese Logik, dass Graffiti sich von jeder Bodenverbundenheit löst und Formen findet, wurde kürzlich spektakulär inszeniert mit den Drohnen, an die Katsu eine Sprühdose angebracht hat. Etwas enttäuschend, denn er hatte das Schreiben gar nicht mehr unter Kontrolle, es waren nicht einfach verwackelte Buchstaben, sondern nur noch im Schlingerflug angebrachte Zufallsformen. Ich weiß von anderen Gruppen in Paris und Berlin, die schon viel weiter waren, aber nicht an die Öffentlichkeit gegangen sind, weil sie an einer kontrollierbaren Technik des ferngesteuerten Schreibens arbeiteten und dieses Ziel noch nicht erreicht hatten.

Die ejakulative Form des Schreibens mit Feuerlöschern ist neben den Berliner Pixadores ihr extremster technologischer Stand und der Drohnenangriff auf die Wände bleibt vorerst Utopie. Innerhalb der Spritzschrift gibt es noch interessante Innovationen, beispielsweise Hybrid Pieces aus Sprühbuchstaben und davon ausbrechenden gespritzten Linien. Der schon nicht mehr so symbolische körperliche Angriff durch Lush auf einen Buffer mit einer Farbladung aus dem Feuerlöscher, zeigt das Verführerische dieses auch brutalen Werkzeugs, demgegenüber geradezu von sanfter Verspieltheit gekennzeichnet sind die sich hochrankenden Hybrid Pieces von WON, das heckenförmige JUSTTHRILL neben dem Wendel in Berlin, und die vielfältigen Versuche mit der neuen Form der Farbwolke umzugehen, seien es abstrakte Zug Panels, die nackte Farborgie in Wien, drippende Regenwolken, künstlerische Nebelbänke, und die Riesenparolen. Einiges wird sich da vermutlich noch entwickeln, es ist nicht einfach nur ein krasseres Werkzeug, argumentiert etwa Ōyama Enrico Isamu Letter in seiner Untersuchung der Ästhetik von Feuerlöschergraffiti. Gegenüber Aktionen, die stark mit dem Kontext spielen, wie bei Banksy und Zevs, widmet er sich mehr Katsu und Kidult. Er beschreibt etwa, wie bei beiden die Technik und das Großformatige selbst zum Thema wird. Und wie beide auf eine Rekuperation von Graffiti in Galerien und Boutiquen reagierten, indem sie von außen ihre Namen an die Barrieren der Institutionen schwappen ließen. Gerade in diesen Konflikten und dem damit verbundenen Aufrüsten und Experimentieren beim Sprühen und Spritzen sind noch einige Überraschungen zu erwarten.

EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #8: “Silberne Buchstaben in goldenem Licht”

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik”; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“, #5: “Gesichter und Buchstaben, #6: “Graffiti als Soziales Medium”), #7: “Graffiti und Gentrifizierung” und hier folgt #8: “Silberne Buchstaben in goldenem Licht”:

Ich ertappe mich manchmal dabei, Kratzbuchstaben einfach toll zu finden, weil alle sie hassen. So ein beschützender Reflex. So ein ritterliches Dazwischengehen, während alle rufen “Auf den Scheiterhaufen mit den Scheibenkratzern”, trocken zu erwidern: “Lassen sie mich durch, ich bin Kunsthistoriker, ich habe hier einen Essay bei mir, der ihnen nahe legt diese Kratzbuchstaben nicht als die übelste, gemeinste, sich ins Bild drängende Frechheit, brutal, gemeingefährlich, nur übertroffen von Ätzbuchstaben die mit Flursäure gemacht wurden und die darauf warten dass sie jemand anfasst und sich diejenige Person dann verätzt, zu betrachten, sondern sie einlädt, sich ganz geruhsam zurückzulehnen in den dahingleitenden öffentlichen Verkersmitteln: Draußen rauscht der Dschungel der Stadt vorbei, der Blick oszilliert und zwischen ihnen und dem Gewirr des Betons und des Grüns, zum Glühen gebracht durch die Sonnenstrahlen, sehen sie Kratzbuchstaben im Glas, silberne Buchstaben in goldenem Licht.”

Sie sind zart und leicht wie Spinnweben, eine ganz eigene Form, abgegrenzt von den ausstaffierten Buchstaben in der ganzen Stadt und von den bonbonfarbenen aufgeplusterten Sprühbildern, die manchmal kaum noch den Buchstabenstil erkennen lassen, so sehr ist er in der Dekoration untergegangen. Sicher gibt es grandios tanzende Buchstabengruppen an den Wänden zu sehen, Schriftzüge die einen unwiderstehlichen Groove innehaben, doch sind auch solche zu sehen, die eben nicht funktionieren würden ohne das bunte Kleid und allerlei Schatten, überstrahlende Lichteffekte und Pfeile, Wolken und sonstiges Tragwerk. Es ist eine Herausforderung es ohne alle Dekoration hinzubekommen, zurück zu den Wurzeln, zur lebhaften Energie der Handschrift. So wie in den Tags. Die Kratzbuchstaben sind aber noch reduzierter als die geschriebenen Tags, die ihnen ja noch am ähnlichsten wären, denn sie haben keine Farbigkeit. Sie erinnern mich an grelle weiße Neonbuchstaben oder auch die wilden Lichtbilder von Picasso. Sie sind nur in das Glas gegeben, als Brechung der Oberfläche. Pur, eine Hand hat Linien gezogen, im Dunkeln vielleicht, und wir als Betrachter fangen die Lichtreflexe am Tag.

Die Kratzbuchstaben sind fragil und doch fest. Hinter ihnen zieht das in der Durchreise flüchtige Chaos der Stadt vorbei oder das Rauschen der Bäume. Sie sind im Fenster, und damit sind sie in einem Nichts, in einem leeren Zwischenraum. So wie Graffiti aus Flächen Bilder macht, hängen die Kratzbuchstaben sich in das Nichts und machen ein Bild im Nichts. Sie fallen aus der Zeit, sind wüste mikroskopische Verwurzelungen in der großen schnellen Bewegung des Nahverkehrs. Sie stören die Computergeneration wie Flecken auf dem Bildschirm. Ich frage mich manchmal wer sie wirklich liest. Da ich recht viel zu allen möglichen Zeiten Bahn fahre, merke ich schon, wie stark sie Teil des Bahnlebens sind. Ein älterer Herr in Berlin Neukölln klappt nachts sein Taschenmesser auf und kratzt versonnen etwas in die das Fensterglas schützende Folie. Ein Vorschulkind fragt seinen Papa wie die das machen mit diesen Buchstaben und er erzählt was von Schraubenziehern. Kann sogar sein, denn seit der Einführung dieser transparenten Folien in der S-Bahn und denen mit dem frech perspektivisch falschen Brandenburger Tor in der U-Bahn, ist es eh viel einfacher geworden die Oberfläche zu brechen, Plastik kratzt sich leichter als hartes Glas.

Die Technik fordert durch ihre Deutlichkeit und Klarheit die kalligrafischen Fähigkeiten eines Taggers heraus, eigentlich. Und doch werden sie vielfach viel gröber und das Schriftbild weniger elegant als die gesprühten Straßentags. Weil die Sprühdose nicht aufsetzt und mit mehr gestischer Leichtigkeit schreiben kann als jeder Pinsel, und die Kratzwerkzeuge nicht auf dem Glas gleiten wie ein Marker, sondern sich hineinfressen müssen. Die schleifenden Werkzeuge, zu erkennen an der Breite der Buchstaben, die teilweise eine plastische Wirkung hervorruft (wie unten als Beispiel in einem Ausschnitt eines KS Scratchings zu sehen), scheinen gegenüber den spitzen kratzenden Werkzeugen einen gestalterischen Vorteil zu bringen, einen leichteren Schreibfluss zu ermöglichen.

Jedenfalls dachte ich vor einigen Jahren, dass ich diese Buchstaben dokumentieren will, denn, wie gesagt, sie sind von einer bedrängenden Klarheit, einer filigranen Reduziertheit, einem kalligrafischen Glanz, der so losgelöst im Nichts schimmert. Sie sind nicht so einfach zu fotografieren, alles rumpelt und wackelt, und die Züge sind voll mit Publikum das vor den Schriftzügen sitzt und auf deren Gesichtern die Buchstaben als Schatten stehen. Und welches Bild könnte ihnen überhaupt gerecht werden, wie sie vor immer wechselnder sich bewegender Kulisse durch die Gegend fahren? Am Ende hab ich sie ganz unmittelbar aufgenommen, wie sie blind zu betasten, von der Umgebung zu abstrahieren, sie im Nichts des Glases zu erfassen. Ich habe sie mit einem Handscanner eingelesen, sie sind nun da im Schwarz des Tunnels oder der Nacht, springen einen ganz alleine an, so wie sie es leicht und unscheinbar im Alltag eigentlich nicht tun. Sie einzuscannen, oder zu fotografieren würdigt einen Aspekt an ihnen, den Aspekt der reduzierten dekorationslosen Graffitischrift, und streicht andere Aspekte, wie beispielsweise des Verhältnisses zum Trägermedium Glas, eher durch, dieses ist nur noch ein schwarzer Pixelbrei den die Kratbuchstaben durchpflügen. Es ist ein genaues Hinsehen auf die Buchstaben, es wirkt wie eine Vergrößerung – auch wenn die Schriftzüge wirklich meist in die Scannerbreite passen – es ist eine Isolierung, eine Stilstudie. Das wollte ich noch kurz zeigen:

EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #7: “Graffiti und Gentrifizierung”


Bild: Hauseingang in Berlin Neukölln

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“, #5: “Gesichter und Buchstaben, #6: “Graffiti als Soziales Medium”) – und hier folgt #7: “Graffiti und Gentrifizierung”:

In dem Prozess der Vermarktung von Vierteln wird Graffiti oft eine nützliche Rolle zugeschrieben. Grob gesagt, gefragtes Dekor zu sein, zur Steigerung der Attraktivität der Wohngegend für die Kreativbranche. Aber nur zu einem bestimmten Punkt, an dem dann selektiv überstrichen wird und einzelnes auf Leinwände gehoben wird. Bei der Frage von abgegrenzten Vierteln wären gleich am Anfang besprühte Züge interessant, da die Züge ja über die Viertelgrenzen hinweg fahren und damit Abschottungen und die genannten Auswahlprozesse was denn nun lokal willkommene Wandbilder sind unterwandern. Auch generell wandert Graffiti ja, die Spots werden bereist.

Aber allgemeiner. Wichtig für solche auf Oberflächlichkeit gründenden (Kapital-) Aufwertungsprozesse ist das Stadtbild. Im Speziellen wenn wir über Stadtveränderung sprechen: das Bild, das die Aufwertungsakteure von dem Prozess in dem sie sich befinden haben. Dabei machen sie sich auch ein Bild der im Stadtteil präsenten Subkultur. So kommt dann dieses Schema zustande, dass Graffiti als gleichzeitig Auf- und Abwertung verstanden wird: dekorativ die Hippness steigernd und auf der Ebene des Materials den Immobilienwert beschädigend.

Doch insgesamt ist das aber eher nur eine Behauptung, die getroffen wird durch die Aufwertungsregisseure (also Spekulationsfirmen und Stadtmarketingbüros), die sich halt erträumen die Oberfläche der Subkultur nutzbar machen zu können: also bunt-schmutzige Häuser billig kaufen und als angesagte Wohnungen teuer vermieten. Oberfläche heißt hier auch: eine existierende Bildlichkeit der Stadt wird zum oberflächlichen Stadtbild gemacht, statt die Buchstaben zu lesen und die Stile zu betrachten werden sie zum Dekor. Diese Vorstellung verbleibt bei einem rein marketingmäßigen Stadtbilds, in der Kultur und Subkultur nach ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit beurteilt wird.

Das Spannende, womit sich eben eine Kritik verbinden ließe, ist dass Graffiti selbst nicht in dieses Schema passt, sondern von seiner eigenen Form her einen Gegenentwurf darstellt: auf der einen Seite alternative Komponente einer jetzigen Stadt zu sein, also genau diese unhandliche Subkultur zu bleiben, die die Aufwertungsakteure versuchen nutzbar zu machen. Auf der anderen Seite aber Teil einer insgesamten Alternative zu sein, einer frei nutzbaren Stadt, eines unkontrollierten Schreibens.

Genau in der Mitte zwischen diesen zwei Tendenzen wird es interessant, wenn eben diese doppelte Alternative sich in das Stadtbild drängt, das die Aufwertungsakteure sich zurechtbasteln. Der Aufwertungsprozess will in eine Richtung fortschreiten (Wohneigentum das immer mehr wert wird) dafür kann er Graffiti teilweise brauchen, aber ziemlich schnell nicht mehr. Denn Graffiti stellt die Regie des Aufwertungsprozesses in Frage: Die Wände werden für freie Buchstaben genutzt, die Kontrolle über das Eigentum gerät aus den Händen des planmäßigen Aufwertungsprozesses, die zentrale Kontrolle der Besitzenden wird aufgeweicht, die Gegengeschichte wird sichtbar, zu der Graffiti (als kapitalwertlose und nutzlose und daher wirklich soziale Kunst) zu einem viel größeren Teil als zur Kapitalaufwertungsgeschichte gehört.

EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #6: “Graffiti als Soziales Medium”


Bild: Tags und Parole in Berlin

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“, #5: “Gesichter und Buchstaben) – und hier folgt #6: “Graffiti als Soziales Medium”:

I. Urbanes Schreiben
Ein einzelnes Wort oder Name im Graffiti bildet Fragmente, die sich nicht zum Satz fügen, also mehr auf den Stil als auf die Bedeutung weisen, dies stellt teilweise einen Rückgriff auf die Buchstabenkunst vor der Drucktechnik dar. Parolen sind aber ebenfalls fragmentarisch als Elemente der politischen Debatte. Außerdem haben die Sätze selbst stilistische Elemente, und die Worte im Gegenzug auch eine Bedeutungsebene, auch wenn sie diffuser ist als der Slogan. In ihrem Abzielen auf Reaktion sind die Parolen weniger direkt als Styles. Sie fordern Aktivität, während die anderen versuchen Aktivität zu sein. Die Botschaften lassen die Annahme direkte Aktion zu sein hinter sich, die sich mit Graffiti noch als scheinbar ewige Inschrift, der Eingriff ins Eigentum, dem Adbusting oder generell gesagt der Intervention in den urbanen Kontext verbindet. Hinter dieser scheinbaren Unmittelbarkeit formt Style Writing eine Musik der Stadt, ihre abstrakte Sprache, und nicht auf etwas verweisend, sondern einer eigenen Systematik folgend.

Die Parolen im Gegenzug sind das Gedächtnis, sie archivieren, was jemand wollte. Wieder kann es vermischt und zusammengedacht werden: Styles sind das freiere und verspieltere Gedächtnis der Stadt. Wettbewerb und Abgrenzung werden betont, denn das zentrale Konzept neben Stil sind in Graffiti immer noch Namen und nicht zufällige Buchstaben. Und die Slogans, um es noch mal aus der anderen Richtung zu denken, werden selbst Poesie, sie fordern auch eine Musikalität ein, sie brauchen auch Stil um ihren Lesern Respekt entgegenzubringen. Grundsätzlich funktioniert Style Writing als eine Grenzüberschreitung von sozialen städtischen Regeln, Parolenschreiben als Agitation für politische Anliegen. Untergeordnet ihrer primären Funktionen ist Parolenschreiben wiederum Grenzüberschreibung und Style Writing auch Agitation: für freien künstlerischen Ausdruck. In dieser Gegenüberstellung von Gemeinsamkeiten, weder pure Propaganda noch vandalistische art pour l’art zu, sondern künstlerisches politisches Schreiben, dialoghafte und aufrührerische Buchstabenkunst,zu sein, stellen sich diese beiden Formen als soziale Medien dar.

II. Soziale Medienrevolte
Der Begriff der Sozialen Medien spielte eine große Rolle in der Zuschreibung an die Nordafrikanischen Aufstände, zentrale Triebkraft durch Onlineplattformen wie Twitter und Facebook erhalten zu haben. Das ist natürlich problematisch, weil das Anliegen des Protests sicher eher städtischer Aktivismus statt Internetaktivismus war, ganz richtig wurde die Zuschreibung also auch oft kritisiert. Doch andererseits waren Computer und Mobiltelefone wichtig für diese Proteste, so scheint die oberflächliche Identifikation mit den Werkzeugen, die ihnen ihre wirkungsvolle Kommunikation ermöglichte teilweise gerechtfertigt. Daneben wurden Graffiti und andere traditionelle Medien wie Flugblätter genutzt, um die zu erreichen, die an den online Versammlungen nicht teilnehmen konnten. Hier wurde auch wieder der künstlerische Stil der Botschaften sehr relevant, wie Graffitiaktivisten in Interviews betonten.

Wenn wir über soziale Medien in diesem Zusammenhang reden, sollte uns eher dieser Prozess interessieren: wie Mitteilungen sich in der Öffentlichkeit bewegen, den Protest antreiben und strukturieren. Auch um nicht den Umsturz auf Skandal und Wut, auf die anheizenden Themen, und spektakuläre Aktionen zu reduzieren, sondern den Blick auf das Kleine zu lenken, die neuen Formen des Miteinander-zu-tun-habens. Die Beispiele von der Nutzung sozialer Medien sind dann nicht Beweis für die Bedeutung von spezifischer Technologie, sondern eben Dokumente, die uns ein Verständnis der spezifischen Nutzung ermöglichen.

Die Erfahrungen dieser neuen Kommunikation und die beschriebenen Potentiale von Stil, fließen schon in neue Formen von Cybergraffiti, wo zu Denial of Service Attacken und der Einschleusung von Parolen mehr und mehr Aktionen mit einem Fokus auf künstlerischem Ausdruck treten. Daniel Feral hat hierfür den Begriff des Tackers eingeführt, und ein Beispiel wäre die Initiative fbresistance.com, die eben nicht die Seite Facebook lahm legen will, sondern Techniken verbreitet, sie sich künstlerisch zu eigen zu machen. Graffiti kann also nicht nur als passend in das Konzept des sozialen Mediums beschreiben werden, sondern es ist auch ein Rückwirken in das digitale Äquivalent von Graffiti zu beobachten, innerhalb einer engeren Definition von Sozialen Medien als Technologien digitaler Kommunikation.

EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #4: “An die Wände”


Bild: honest tag

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing” und hier also #4: “An die Wände”:

Die Wände ummanteln kerkerhaft das, was sonstwo nicht ist, Freiheit in Sicherheit. Die Grenze zu allen anderen. Oder allgemeiner, es gibt eine Innenseite und eine Außenseite, und die Außenseite richtet sich immer an die Öffentlichkeit, ist Teil des öffentlichen Raums und schirmt ein funktionales Inneres ab. Von außen Andere, ganz leicht mit Farbe, schreiben den Namen frei hin, das symbolische Zeichen dessen was es nicht gibt, eines Alleinseins, das nicht gekerkert bleibt. Und im Stil der Buchstaben findet die Kunst am unerlaubten Ort statt. Werbeanlagen bis zu 0,50 Quadratmeter können vom Unternehmen ohne Genehmigung an der Fassade angebracht werden, solange sie nicht dem Straßenverkehrs-, Bau- und Wegerecht widersprechen. Die Fassaden sind nicht neutral, die Fassaden sind bunt und sprechen so viel. Stillos und respektlos stehen sie da und schreien uns an. Wird also das freie Beschriften einer Wand als gewalttätig verstanden, so kommt das daher, dass das Recht die Färbung der Wand mit der Zerstörung der Wand verbindet. Mit einer Kanonenkugel die Wand zum Privaten zu durchbrechen, gleicht dem Vorgang milimetertief Farbe in sie zu spritzen. Von drinnen sind die Färbungen nicht zu sehen, das eigentliche Private, das abgeschottete, ist in Frieden (ruhen) gelassen. Verwirrt ist nur der Markt der öffentlichen Aufmerksamkeit: Während die einen ihren Trieben folgen, und ihre Markierungen anbringen, kaufen die anderen Fläche und montieren von Hirnforschern und Psychologen optimierte – ihr habt die Wissenschaft verraten, euch gegen den Mensch gewandt – Texte und Bilder, die wiederum die Triebe ansprechen sollen, und eine Triebabfuhr im Massenkonsum, statt in der Einzelkreation bewirken sollen. Der Mensch soll sich nach Industrienorm reproduzieren, statt Künstler werden zu wollen.
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EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #3: “Mythos Writing”


Foto: Gif-Animation via, nach diesem Video

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“):

Das Wort und die Buchstaben. Beim Schreiben der Buchstaben ging es schon auch um die Wörter, die sie bildeten. Aber die Wörter waren nicht als Begriffe gemeint, sondern als Namen, als Zeichen. Und oft eben um ein Name, der präsent sein sollte, in einem Milieu, in einer Stadt, überall. Einen Namen in die Stadt, an die Züge schreiben: ein Zeichen geben. Bei den Buchstaben der Ausdruck eines Stils. Sobald die Buchstaben zum Wort verschmolzen und von der zweiten Outline umrahmt sind, sind sie mehr als der Ausdruck des Stils: ein identitäres Produkt, es zeigt der Welt, X war hier.

Die Fähigkeit alles in einem besonderen Stil schreiben zu können. Auch Wildstyle, so schreiben, dass es nur noch Spezialisten entziffern können. Dann wirken die Bilder oft schon wie abstrakte Gemälde und werden vielleicht dementsprechend geschätzt. Oft von Passanten zu hören, dass eine hohe Anzahl an Farben geschätzt wird, was ungefähr so tiefgängig ist, wie einen Farbfilm mit einem Schwarzweißfilm zu vergleichen und als einziges Merkmal die Farbigkeit anzuführen. Eine andere Tendenz war Antistyle. Sich zwar in die Konkurrenz des Namen Hochbringens zu begeben, aber die Regeln zu brechen, so zu malen wie Anfänger malen: Toystyle (stilistisch nicht technisch). Schwer zu sagen, ob es mehr oder weniger gemocht wird. Es entschärft den Kampf im Graffiti, aber sieht vielleicht mehr wie Schmutz aus als die bunteren Sachen. Allerdings sind sie auch selten aggressiv. Es ist ein hin und her, wie auch in den ersten Jahren des Streetart Hypes es dieses hin-und-her mit kleinen banalen Grafiken und dagegen aufwändige Collagen, aber auch Installationen aus einfachen Elementen der Stadt und Readymades gab.

Die Selbstgeschichtsschreibung des Writings hat oft so angesetzt, dass Leute in NY Namen schrieben, sich dann auf die Buchstaben konzentrierten, Styles entwickelten, diese auf Zügen und Wänden probten, dies sich popularisierte. Da das wohl für Masse und Einzelfall zutrifft, ist es die plausible Geschichte des Writings. Dann gäbe es aber gar nicht mehr viel über sie zu schreiben, die Protagonisten feststellen, Datieren, Styles ordnen. Wurde schon zu viel gemacht.

Warum sollte das Writing von Einzelpersonen nichts mit Gangzeichen zu tun haben, die es schon vorher gab, warum sollte die Rebellion der Jugendlichen durch Buchstaben in NY nichts mit einer Bewegung der Jugendrebellion in Buchstaben (Lettristen) 20 Jahre vorher in Paris zu tun haben. Ich will keine Geschichtslinien konstruieren, das ist vielmehr das, was mich überhaupt gestört hat. Ich will vielmehr das Netz der Geschichte auswerfen, und sehen wie sich die Überlieferungen in ihr verfangen.

Einen breiteren Horizont der Geschichte anzulegen, das stilvolle Beschriften auf Lettrismus und Kalligrafie und vieles mehr zurückzubinden, wurde auch schon gemacht, und hier soll angeschlossen werden. Die Geburt des Writings ist dann Pop, der Mythos eine Affirmation des Banalen. Soll heißen, die Populärkultur fand eine Darstellung für die konkrete Erfahrung der Protagonisten. Heutige Entwicklungen des Writings weisen nicht nur nach vorne (in die Zukunft) über den Gründungsmythos hinaus, sondern auch nach hinten. Darum wird es in den nächsten Texten gehen.

EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #2: “alleine”


Ausstellung: “Berliner Straße”, 2008

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“):

Es ist eigentlich gar nicht nahe liegend, dass Graffiti, als wandverhafteter Ausdruck, für den Kunstmarkt taugt. Damien Hirst machte aus seinem Haigraffiti, das jetzt ein Edelclubhaus schmückt, eine Zweckentfremdung der Wissenschaft: einen eingelegten Hai, als Konzeptkunst. Die Stuckisten sagten, er hat sogar das Konzept dieser Konzeptkunst geklaut, ich weiß es nicht. Hätte er weiter Tiere an Wände gemalt, hätte er diesen vielleicht ein sozialkritisches Konzept geben sollen, vielleicht Ratten, wie Blek le Rat und Banksy, und vielleicht, mit ganz viel Kontinuität, wäre daraus tatsächlich vermarktbare Wandkunst geworden, die Leute aus der Wand schneiden und verkaufen. Was die Wandbemaler nicht wollen, und was ihnen konkret auch nichts bringt, denn der Kunstraub ist der Gegenschlag des Marktes gegen diese so freie Kunst. Andere erklärten dann 2008 die letzte Stencil-Show, aus und vorbei, angesichts der Vereinnahmung der Form durch die Werbebranche. Doch wenn man mal nicht über die Großen und die Plakativen spekuliert, sondern sich selbst fragt, wie diese triebhafte Praxis sich in geregelte Formen einhegt, dann kommt nicht große Geschichtsschreibung heraus, sondern diese kleine Geschichte:

Alleine. Herum gehen, Schreiben, Drucken, Kleben. Diese Formen zu finden, herauszufinden, dass es etwas gibt, das zu dem passt was man will. Und auf eine wuchernde, offene Bewegung zu stoßen, selbst unsichtbar, sichtbar in ihren Zeichen. Selbst unsichtbar zu werden, im Dunkeln keine Angst mehr zu haben, weil man selbst dunkel wird, aus dem Dunkel hinaussieht. Am Tag Sehen lernen, wieder alleine sein, aber in einer Menge, zu wissen was man gerade tut, fokussieren. Und betrachten können, fokussieren, auf das was andere bewusst getan haben. Hinter einen Namen zurücktreten wie ins Dunkel zurücktreten. Das erste Mal in die vier hellen Wände einer Ausstellung. Beim Tun am Gästebuch betrachtet werden, angesprochen werden. Es verbindet sich. Dein eigenes Buch geben. Das Buch geht herum, es wird voll, Namen treffen Namen.

Wieder angesprochen werden, mit dem Namen, ein bisschen Angst kommt zurück, durch das identifizierbar werden. Sich besser fühlen wenn die Namen andere Namen auf der Wand treffen, ohne dabei angesprochen zu werden, ohne beim Tun betrachtet zu werden. Und dann die Kooperation, sich gemeinsam in der Bewegung bewegen, wenig Ansprache, die richtigen Zeiten finden für das Reden und für das Tun, synchronisieren, Schweigen können, wieder einen schützenden Schatten haben vor der Angst. Nie war es Selbstzweck, sondern genau das, was man selbst wollte. Verfälscht dann dadurch, es nicht allen zu geben, sondern einzelnen. Die Freunde zu drucken, die Namen der Lieben zu schreiben. So viele Einzelne, wie da noch das Schweigen und die Synchronisation, und das Bewegen überblicken, …. , es bewegt sich selbst, es spricht selbst.

Die Gedanken die doch abgeladen waren kommen so oft zurück und drehen ihre Kreise im Selbst, das sich wieder begrenzt und verdichtet. Eigentlich sind es doch Strahlen, die weg wandern. Das Gespräch anzunehmen, die Strahlen wenn sie längst ausgesendet sind wieder aufzunehmen, Worte über Namen zu verlieren, das ist wieder das Gleiche wie das erste Mal darauf angesprochen werden. Und es verbindet sich wieder, das Ausstrahlen reflektiert, es scheint wieder auf das Selbst. Erst auf diesem Rückweg erlangen die Zeichen einen Wert außerhalb ihrer Zeichenhaftigkeit. Im Gespräch erhalten sie ihren Tauschwert. Wieder Erschrecken. Aus dem Tun, in die Szene, auf den Markt.

Serie: El schreibt über Graffiti #1

Und noch eine neue Serie: In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti. Um Kommentare und eine hitzige Diskussionen wird ausdrücklich gebeten…

Vandal Café #3 mit SCUM a.k.a. Der Tote General – “STYLEWRITING und die GLOBALE SOZIALE PLASTIK”

Ich kam ein bisschen zu spät, aber das hat für diesen Text den Vorteil, dass er sich nur zur Hälfte aus meiner Teilnahme speist, und zur anderen Hälfte aus den Gesprächen über den Vortrag.

Ich komme also abgehetzt im Cafe Wendel an und sehe diesen toll verkleideten Typen, vor einer Graffiti-Wand. Der erzählt, dass die Gewalt der Welt in künstlerische Konflikte umgeleitet werden muss. Dass er ein bisschen wie ein Waldorf-Lehrer klingt, liegt vielleicht auch daran, dass er selbst auf einer Waldorfschule war. Im Verlauf des Vortrages macht er sich auch zum Verfechter von Waldorfpädagogik und der politischen Forderung des bedingungslosen Grundeinkommens. Für mich war das fast so etwas wie ein trauriges Fazit des Vortrags: Graffiti als Gewalttherapie und Grundeinkommen als Optimierung der Gesellschaft.

Bei der Vorstellung der Kanalisierung von Konflikten geht es in etwa darum, nicht mehr, wie in dunklen Zeiten qua Geburt oder gewonnener kriegerischer Auseinandersetzung ein König zu werden, sondern heute wird einfach geübt und geübt und am Ende bist du King. Zum Beispiel in der Buchstabengestaltung. Damit das nicht klingt wie die Sozialisierungsprogramme des legalen Writings, wo die kriminellen Sprüher ermuntert werden, ihr Talent in bare Münze zu verwandeln, zum Beispiel durch Malaufträge oder Gebrauchsgrafik, macht er es rein zum therapeutischen Programm, ohne lukrative Aussichten. Ganz als bräuchte die schwer erklärbare und so oft unsichtbare Gewalt nur endlich einen sichtbaren Zweck um sich in Wohlgefallen aufzulösen.

Die Vorstellung einer zweck- und sinnfreien Gewalttätigkeit heutiger Gesellschaft wird dem Vortragenden nur insofern unterstellt, als dass sie sich aus seiner Darstellung ableitet. Das Kunststück möge gelingen: Gewalt ventilisieren durch Style-Battle, wirtschaftlichen Druck abfedern durch Grundeinkommen? Funktionieren würde das natürlich eh nur für arme Menschen, müsste man zynisch anmerken, denn Beats not Bombs interessiert als Motto nur Menschen, die sich keine Bomben zum Durchsetzen von Interesse leisten kšnnen. Doch auch ganz ernsthaft: die Vorstellung eines Grundeinkommens als sozialen und ökonomischen Allheilmittels mag sich wem der Geschmack nach so etwas steht zu eigen machen, doch die Kunst derart zur sozialtherapeutischen Methode zu degradieren, dagegen verwehre ich mich, als Anhänger der Kunst und ihrer autonomen Ästhetik.

Auf den ausliegenden Zetteln steht unter der Überschrift “Die Globale Soziale Plastik” in drei Spalten:
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
Geist, Seele, Körper
Bildung, Recht, Handeln
Denken, Fühlen, Wollen
Kopf, Brust, Bauch
Feuer, Luft, Wasser
Krone, Stamm, Wurzel

Konkurrenz gibt es in der Sozialen Plastik also nicht, genauso wenig wie Arbeit. Die Leute sind einfach Körper, gleich, frei und brüderlich, die etwas wollen, die mit der Seele etwas fühlen, und mit etwas Bildung den Geist zum Denken bringen. So fasse ich ein Schema zusammen, das sicher selbst eine größere Vorstellung zusammenfasst. Ich will diese Abstraktionen nicht weiter bemühen, es würde dem Gedanken dahinter wahrscheinlich nicht gerecht. Was jedoch hervortritt, wenn wir uns diese Begriffe vorhalten, ist dass sie wohl eine idealisierte Kultur der Harmonie beschreiben sollen. In diesen Ansichten ist Graffiti keine rebellische, riskante, unangepasste und oft auch sehr fetischisierte und traditionsverpflichtete Subkultur, sondern wird in diese Harmonie als soziales Überdruckventil eingebaut. Die Kunst wird nur scheinbar politisch betrachtet, am Ende wird sie unpolitisch, die Konflikte in ihr werden als Mittel zur sozialen Befriedung verstanden, das Ende der Geschichte ist da, es muss nurnoch für Ruhe gesorgt werden… Das wäre eine traurige Vorstellung, und ich hoffe dass derartiges Graffiti nur an Waldorfschulen stattfindet, und dass echtes Graffiti eine stadtgestaltende Jugend- bzw. Subkultur bleibt, und sich in vielfältigste Formen weiterentwickelt (was es ja bereits und beständig tut). Und dass das soziale Prinzip der Kooperation und Kollektivität, wie es in den Crews und Szenen, unterschiedlichste kulturelle Tätigkeiten vereinend, an der Tagesordnung steht, in die Gesellschaft wirkt und sich ausweitet. Statt sich umgekehrt von einer zur Natur des Menschen erklärten Konkurrenzkultur der Industriekultur bzw. Kulturindustrie vereinnahmen zu lassen.