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Tag CALYBA

Buchtipp! Joachim Spurloser & Stefan Wartenberg: “CALYBA”

Dieses Buch ist ein Gedicht! Stefan Wartenberg und Joachim Spurloser (aka Graffitimuseum) haben Graffiti-Tags über viele Jahre hinweg auf Wänden der ganzen Welt aufgelesen – und damit Gedichte geschrieben. “Der Gesamttext Graffiti ist einem ständigen Wandel unterworfen. Sein tägliches Entstehen und Vergehen macht ihn lebendig – und gleichzeitig unendlich. Eine unbestimmbare Anzahl von Autoren und Zensoren arbeitet unermüdlich an seiner Weiterentwicklung: sei es in Form beständiger, ja mantraartiger, Wiederholung einzelner Bestandteile, sei es in der Verfeinerung oder Auflösung seiner Codierung, oder sei es in dem Versuch, des Auslöschens einzelner Wörter oder ganzer Sätze”, schrieben die Autoren bereits 2004 in ihrem Manifest des Graffitimuseums “Lest mehr Graffiti”. Über 50 Lautgedichte, über einem Zeitraum von 2005 bis 2014, hat das Duo angefertigt, klar inspiriert von Dada-Lyrik und konkreter Poesie. Und so findet sich zum Beispiel auch eine wunderschöne Hommage an Kurt Schwitters “Ursonate” – nur diesmal eben aus Tags geschrieben:

NURSO NATE , 2013 (Auszug)

NURSO
UR SO SOK NOK
NUK NO NUG NOV
OFF NOKS OX OKSE
OKSENMIST OXBOE MOKS
MIKS
MIP MOK MOC MOCMOB
MÖCMOB MOCK MOBSE
MOPS
DROPS KLOPS DRONE KRONE
IKONE HONE ALONE
ON ONE LONE LÖNE
DÖNER

“Nicht das Wort ist ursprünglich Material der Dichtung, sondern der Buchstabe. (…) Man kann z.B. das Alphabet, das ursprünglich bloß Zweckform ist, so vortragen, daß das Resultat Kunstwerk wird. (…) Wie der Maler Farbformen nach Belieben, also unabhänglg von einer Bedeutung, zur Gestaltung zusammensetzt, der Komponist Töne rhythmisch nach vollkommener Freiheit aneinanderreiht, so stelle ich Konsonanten und Vokale nach künstlerischen Gesetzen zusammen”, schrieb Schwitters in 1924 in seinem Manifest “Konsequente Dichtung”. “Meine Dichtung ist nicht nur zusammen mit der rhythmisierten Sprechmelodie entstanden, sondern, so merkwürdig das scheinen mag, nach Entstehung von Sprechmelodie und klanglichem Rhythmus. Ein Gefühlsinhalt, der bereits seine Gestaltung durch rhythmisierte Sprechmelodie gefunden hatte, verlangte die Bereicherung durch die Verschiedenartigkeit von Geräuschen und Tönen.”

Spurloser und Wartenberg haben es mit CALYBA geschafft, die Poesie der urbanen Poeten und deren Tags im öffentlichen Raum in eine Poesie in Papierform zu übertragen und sie in einen Gesamttext und neuen Kontext zu stellen. “Ihre Affäre mit dem “Gesamttext”, dem Fundus von Graffitinamen als Wortschatz, entfaltet sich als ein Sprachspiel, in dem Fremdes wie Vertrautes, scheinbar Sinnloses wie scheinbar Sinnvolles selbstverständlich und gleichberechtigt auftreten. Losgelöst von ihren ursprünglichen, oft unklaren Bedeutungen und Zusammenhängen gehen die wilden Namen, Zahlen und Abkürzungen der Graffiti hier Beziehungen ein, die von einer Sehnsucht nach Unendlichkeit geprägt sind. Ordnung und Zerstreuung – in Verse gegossen, verformt und entstellt – Graffiti erklingen in CALYBA als das, was es eigentlich immer schon war: Weltsprache und Gestammel.”

Außerdem gibt es am Ende ein kleines Glossar, damit jeder Sprayer auch schauen kann, ob sein Name ebenfalls in einem lyrischen Werk verewigt wurde. Lasst Euch dieses Buch nicht entgehen (es ist in einer Auflage von gerade mal 200 erschienen): Dieses Buch ist ein kleines Meisterwerk der Postgraffiti-Generation – erschienen im Berliner Verlag Possible Books (12 Euro, 128 Seiten, 148 x 185 mm). Und auch Matthias Hübner von Possible Books hat wieder einmal bewiesen, dass er einfach einer der besten Indie-Verleger Deutschlands ist, der wunderschöne Bücher herausbringt und den richtigen Riecher für solche tolle Projekte hat.