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SPIEGEL über Protestkultur, Postautonome und Kommunikationsguerilla

 

Philipp Oehmke entdeckt und lobt in seinem Artikel “Vermummung ist retro” (SPIEGEL, 21/5/07) die Kommunikationsguerilla, berichtet über die linke Subkultur und die neuen Widerstandsformen der “Postautonomen”. Erwähnt wird auch der Mopo-Fake des “Kommunikationsguerillakommandos Mövenpick-Protest goes G8″. Einige lesenswerte Ausschnitte:

“Seit den politischen Aufbrüchen der sechziger Jahre beschreibt sich jugendlicher Protest in der Differenz zum Staat. Die Inhalte mögen inzwischen verschwommen sein, geblieben sind die Zeichen und Symbole des Widerstands, sie gehören zu unserem kollektiven Bildergedächtnis: die nackt von hinten fotografierten Bewohner der Kommune 1 in den Sechzigern, der mit einem schwarzen Motorradhelm bewehrte Joschka Fischer im Frankfurter Häuserkampf in den Siebzigern, die martialisch vermummten Autonomen auf den Dächern der Hafenstraße in den Achtzigern. Bloß für die Neunziger findet sich zunächst kein Bild, bis es, ganz am Ende der Dekade, zu jenen Eruptionen in Seattle kam, die dem “Kampf gegen die Globalisierung” Gestalt gaben.

Die linke Subkultur schien in dem Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung und dem Wegfall “des besseren Deutschlands” nach einer politischen Heimat zu suchen, und die Welterklärer sprachen vom “Ende der Geschichte”. Die Figur des Barrikadenkämpfers - man sah sie kaum noch. Die Akteure aus den siebziger und achtziger Jahren waren immer älter geworden, und mit Techno gab es nun eine neue, eine hedonistische Jugendbewegung, die sich eher über Zustimmung als Ablehnung definierte. In Zeiten der Love Parade langweilte die alte “Latsch-Demo” den ohnehin spärlichen linken Nachwuchs, und dieser schnappte die Echos auf: “Wenn ich nicht tanzen kann, ist das nicht meine Revolution.”

Doch dann, aus dem Nichts, 1999, tauchte doch noch ein Bild auf, das aus Seattle, wo der plötzlich wütende Jugendprotest gegen eine WTO-Konferenz zu bürgerkriegsartigen Zuständen geführt hatte. Die linke Protestkultur hatte sich zurückgemeldet – und sie hatte sich verändert in den Jahren der Versenkung, sie war modern geworden und technikaffin und hatte eine neue Ästhetik gefunden: Sicher, immer noch gab es den Block Schwarzvermummter, doch daneben sah man eine “Clown Army” oder “Radical Cheerleaders” in absurden bunten Kostümen. (…)

Wichtig ist der Zaun als “Metapher” – und als solche soll er nun angegriffen werden. Was das bedeuten soll, erklärt ein paar Tage später Henning Obens, 27, verantwortlich für “Move against G8“, ein Zusammenschluss von Kulturaktivisten. Er sagt, moderner Widerstand müsse nicht unbedingt mehr die Macht selbst angreifen, sondern ihre Symbole. Die Stichworte dafür entlehnt Obens der strukturalistischen Semantik. So hatte der Semiotiker Roland Barthes schon 1971 in seinem Essaybuch “Sade. Fourier. Loyola” gefragt: “Ist die beste Subversion nicht die, Codes zu entstellen, statt sie zu zerstören?” Und sein Kollege Umberto Eco trat schon 1967 in einem Vortrag “für eine semiologische Guerilla” ein und rief damit zum Kampf um die Deutung von Bildern auf. Für Heiligendamm hat dieser Kampf jetzt schon begonnen. (…)

“Viel Randale-Ästhetik” werde man in Heiligendamm nicht zu sehen bekommen, sagt er, auch wenn das Bundesinnenministerium und die Bundesanwaltschaft gerade den gegenteiligen Eindruck zu erwecken versuchen. Sein Kollege Christoph Kleine, Sprecher von “Block G8″ und sebst Postautonomer, sagt sogar: “Vermummung ist retro.” (…) Widerstand, so sagen sie, muss heute in einem Spiel aus Zeichen, Klischees und Zitaten stattfinden – dieses Spiel hat die “Autonome a.f.r.i.k.a Gruppe” zu großer Meisterschaft gebracht. In ihrem “Handbuch der Kommunikationsguerilla” propagiert sie neue Widerstandsformen, weil sie, wie es im Vorwort heißt, “die Nase voll” hat “von der Ausschließlichkeit furztrockenen Flugblattschreibens”.

Als beispielhaft für ihr Vorgehen muss dabei eine Aktion von vergangenen Mittwoch gelten, als es nach eigenen Angaben dem Kommunikationsguerilla-Kommando “Mövenpick-Protest Goes G8″ in einer “lang geplanten Aktion” gelang, dem Boulevardblatt “Hamburger Morgenpost” zwei angeblich militante Autonome für ein Exklusivinterview zu vermitteln. Die vermeintlichen Autonomen kamen in einer an Imkerkleidung erinnernden Aufmachung zum Interviewtreffpunkt im Gebüsch und gaben Antworten wie diese: “Die Aktionen zu planen ist richtig Arbeit. Wir müssen uns zum Beispiel um Kinderbetreuung kümmern. Morgens nach einer Aktion müssen die Kinder genauso Frühstück bekommen wie auch sonst.” Die “Hamburger Morgenpost” kündigte das Interview (“Autonome packen aus”) auf der Titelseite an. Unklar bleibt, ob die Kommunikationsguerilla die Zeitung wirklich hereingelegt hat oder dies nur im Nachhinein reklamiert – in beiden Fällen wäre ihr jedoch ein kluger Kommentar zu der momentanen Militanten-Hysterie gelungen.

Politische Bedeutung dürfe nicht mehr bloß “am Gestus der Ernsthaftigkeit” gemessen werden, findet die Autonome a.f.r.i.k.a Gruppe, und so entstehen Nonsens-Slogans und Dada-Sprüche: “Voll doof alles”, “Falsch muss kaputt” oder “Gewalt ist auch Gewalt” sind Slogans, die die inhaltlichen Verkrustungen der bleiernen Zeit der achtziger und neunziger Jahre abschütteln sollen. ist man schon so weit gegangen, bleiben auch die Symbole der einst als kapitalistisch verachteten amerikanischen Populärkultur nich mehr sicher: Verkleidet als Superhelden, versehen mit Namen wie “Spider Mum” oder “Superflex”, überfiel vergangenes Jahr eine Gruppe von neuen Linksradikalen einen Luxus-Supermarkt in Hamburg. Die Superhelden schleppten Champagnerflaschen und Hirschkeulen aus dem Geschäft, die sie anschließend unter Putzfrauen und Euro-Jobbern verteilten. (…)”

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