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PARASITES #1: Encastrable / Update

Fotos: Just

Samstag, 19. September. Wir sa√üen rund eine Stunde in dem portugiesischem Caf√© Carlos, schr√§g gegen√ľber von Max Bahr in Hamburg-Altona, tranken Gal√£o, rauchten Kette und beobachteten intensiv den Baumarkt. Sah eigentlich alles ganz normal aus. Konnte es also wirklich sein, dass die nichts mitbekommen hatten? √úber einen Monat lang hatte ich f√ľr mein neues Ausstellungskonzept PARASITES getrommelt, es lief durch alle Hamburger Kulturverteiler, √ľber 100 Mitglieder gab es bei Facebook, rund 100 Mails hatte ich eingesammelt und etwa 50 Twitter-Followers. Aber im Baumarkt sah alles so konfus wie immer aus. Bereits zwei Tage zuvor hatten wir uns dort umgesehen – eigentlich fast sogar den ganzen Tag dort verbracht. Antoine Lejolivet und Paul Souviron, das franz√∂sische K√ľnstlerduo Encastrable, dass ich zur Deb√ľtausstellung eingeladen hatte, realisiert seit rund einem Jahr in Frankreich tempor√§re Skulpturen in Baum√§rkten. Aber bisher hatten sie vor Ort noch nie eine Vernissage gefeiert. Normalerweise gingen sie in Baum√§rkte, bauten mit den vorgefundenen Materialien ihre Skulpturen, dokumentierten diese und gingen dann wieder. Das war also diesmal eine neue Situation. Wir waren alle gespannt, zu welcher Eigendynamik es dabei kommen w√ľrde. Das Duo wollte sich auf jeden Fall vorab ein wenig im Baumarkt umschauen, Material begutachten, ein paar Tests machen, ein wenig basteln – wie gesagt, es wurden rund sechs Stunden und es fiel niemandem auf. Am n√§chsten Tag gab es dann noch einmal eine kurze, private Intervention, quasi ein letzter Test, im Bauhaus in Harburg. Aber innerhalb von zehn Minuten wurde hier ein Mitarbeiter auf das Duo aufmerksam. Und wir waren froh, dass wir uns f√ľr den Max Bahr in Altona entschieden hatten. Die Gr√ľnde waren vor allem: Wenig √úberwachungskameras, verplante und faule Mitarbeiter, die nicht sofort aufr√§umen, eine zentrale Lage, gro√üe √Ąhnlichkeiten und Sympathie zwischen Publikum und normaler Kundschaft, und in netter Nachbarschaft, das Frappant, f√ľr eine kleine Afterparty.

Wir hatten also trainiert, die Lage gecheckt, aber waren trotzdem alle irgendwie nerv√∂s. Es war eine Stimmung, wie kurz vor einem Bankraub. Um 17 Uhr gingen Antoine und Paul dann in den Baumarkt und legten los, eine halbe Stunde sp√§ter folgten mit versteckten Foto/Film-Kameras JUST und Nicolette und Maja, die f√ľr geplanten Katalog einen Text schreiben sollte. Um 17:30 wurden Anna, Steffi und Alexandra eingewiesen: Sie sollten an alle Baumarkt-Besucher einen Grundriss verteilen, auf dem die verschiedenen Installationen verzeichnet waren, als Orientierungshilfe/Guide. Dann ging auch ich in den Baumarkt. Schon jetzt war der Baumarkt voller als sonst. Und ich erkannte auch erste bekannte Gesichter. Alle verhielten sich diskret/konspirativ, schoben Einkaufswagen, hielten Produkte in der Hand, liefen zielstrebig und unauff√§llig umher. Und die ersten Skulpturen waren auch bereits aufgebaut. Innerhalb der n√§chsten halben Stunde f√ľllte sich dann der Baumarkt wirklich rasend schnell. Und ich h√§tte gerne gewusst, was die Verk√§ufer in diesem Moment dachten. “Schei√üe, gerade heute, zwei Stunden vor Feierabend noch so viele Kunden.” Irgendwann muss es wohl aufgefallen sein. Ich habe geh√∂rt, dass ein Besucher einen Verk√§ufer gefragt hat, ob Max Bahr jetzt h√§ufiger Ausstellungen organisiert. Es folgte eine halbe Minute Schweigen und ein verwirrter Verk√§ufer. Dann hatte auch dieser Besucher verstanden, dass wir nichts vorab mit dem Baumarkt abgesprochen hatten. Irgendwann st√ľrmte dann das 3Sat-Team (wird wohl in der n√§chsten “Bauerfeind”-Sendung laufen) in den Baumarkt und wollte den Marktleiter interviewen. Der reagierte aber extrem locker – und lie√ü sein Team einfach immer wieder die Abteilungen, mit den auff√§lligsten Skulpturen, aufr√§umen. Und: Die Skulpturen hatten sich sehr schnell vermehrt – das kreative Klima sorgte f√ľr zahlreiche Nachahmer, die pl√∂tzlich auch aus den Baumarkt-Materialien ihre Skulpturen formten bzw. die bestehenden Werke erg√§nzten.

In den zwei Stunden gab es √ľber 250 zuf√§llige und beabsichtigte Besucher (das wissen wir so genau, weil wir in nur einer Stunde 200 Grundrisse am Eingang verteilt haben). Und als dann die ersten Vernissage-Korken auf dem Parkplatz krachten, kam dann doch noch die Polizei. Doch auch sie wusste gar nichts von der Ausstellung – sie war eigentlich auf der Suche nach ein paar Hausbesetzern.

Echo:
“Ziel und Inhalt der Ausstellung war es, das unersch√∂pfliche Materiallager aus den Regalen des Baumarktes in spontane skulpturale Kunstobjekte zu transformieren und so den Baumarkt in eine Galerie zu verwandeln. Umgesetzt wurde das Konzept durch die zwei eingeladenen franz√∂sischen K√ľnstler Antoine Lejolivet, 35, und Paul Souviron, 29, welche unter dem Pseudonym Encastrable arbeiten. Die Aktion war ein voller Erfolg, zur Vernissage am Samstag, den 19.09.09 kamen √ľber 100 Besucher, zus√§tzlich zu den nichts ahnenden Kunden und Angestellten. F√ľr etwas mehrt als eine Stunde wurde der ansonsten dem reinen Konsum gewidmete Raum der Gewerbehalle zu einem neuen Ort. Die Aktion ver√§nderte jedoch eigentlich weniger den Ort als die Wahrnehmung der Betrachter.” (Urbanshit)

“mir gefiel das unpr√§tenti√∂se auftreten der installationen, draussen, auf dem parkplatz war die atmosph√§re allerdings genauso pr√§tenti√∂s wie auf jeder anderen vernissage. wichtigtuer, angestrengt entspannt wirkende hippster, ein fernsehteam, blonde ischen, schlipstr√§ger und kichernde, leicht √ľberhebliche wenn-die-w√ľssten- oder sind-die-alle-ahnungslos-denker bev√∂lkerten den parkplatz. fotografen fotografierten den parkplatz, die kasse und meine blauen m√ľlls√§cke.” (wirres)

Freue mich √ľber Euer Feedback, Eure Kritik, Eure Verbesserungsvorschl√§ge zur n√§chsten Ausstellung. Was habt Ihr erlebt, mitgeh√∂rt, gedacht. Und sagt doch mal Bescheid, wenn Ihr auch noch Bilder bzw. Videos gemacht habt! Wir w√ľrden gerne in den kommenden Wochen/Monaten einen kleinen Katalog mit den Bildern und dem Video ver√∂ffentlichen. Und DANKE noch einmal an Just, Nicolette, Andreas, Jens, Patrick, Alexander, Alexandra, Anna, Steffi, Maja f√ľr den gro√üartigen Support!

Save the date: PARASITES#2, die n√§chste subversive/illegale Ausstellung, kommt in drei/vier Monaten ‚Ästeinfach hier Mail eintragen ‚Ästwir halten Euch auf dem Laufenden!

Comments

9 Comments so far. Leave a comment below.
  1. Sehr gelungene Aktion!
    weiter! freu mich auf den nächsten Ort

  2. anstalt,

    hach, großartigst!

  3. banause,

    Super Aktion!!!
    weiter so.
    und respekt an das ahnungslose, sogenannte”faule”, verkaufsteam.mit deren lockeren reaktion hat wohl niemand gerechnet.denn des baumarktes verwiesen wurden wir nicht.erfolg?oder doch eher normalit√§t im alternativ-gr√ľn w√§hlenden stadtteil altona??

  4. user,

    hallo und schönen guten tag,

    erst einmal m√∂chte ich euch f√ľr die gelungene aktion von samstag gratulieren.der laden war wirklich extrem gut besucht.und das auf einen samstag um 18.00 Uhr.und nat√ľrlich waren wir √ľberrascht und fragten uns was hier abgeht.wobei 150-200 leute in einem gro√üen baumarkt auch gar nicht weiter auffallen w√ľrden.schon gar nicht am samstag.und,wir haben nicht gedacht schei√üe,kurz vor feierabend noch so viele kunden.es stellte sich ja ziemlich schnell heraus,das der laden zwar voll, die kassen aber leer waren.
    aber hey,man kann nicht alles haben.
    ich bin nämlich einer ihrer sogenannten faulen und verplanten mitarbeiter.
    und das die polizei von dem ganzen nichts wu√üte,liegt schlicht und ergreifend daran,dass niemand einen grund darin sah sie herbei zu rufen.denn ganz so reaktion√§r,wie es hier beschrieben wird, war ihre vernissage dann doch nicht.vielleicht h√§tten sie sich doch eher auf einen anderen stadtteil konzentrieren sollen.allein durch die n√§he zum exkulturforum und zum kiez sind solche aktionen und anfragen diesbez√ľglich keine ausnahme.
    versteht mich nicht falsch,ich fand die aktion wirklich super,allerdings kann ich die pauschale einsch√§tzung der mitarbeiter so nicht stehen lassen.√ľbrigens haben wir nur die sachen wegger√§umt,die die sicherheit der kunden gef√§hrdet h√§tten.ein gro√üteil der objekte haben wir f√ľr die mitarbeiter stehen gelassen, die am samstag leider nicht da waren.diese hatten dann montag fr√ľh die m√∂glichkeit jene zu bewundern.
    danach mu√üten wir nat√ľrlich unseren gesamten ehrgeiz und arbeitswillen aufbringen,um unsere faulen hintern zu bewegen, die kunstobjekte zu zerlegen und die daf√ľr verwendete ware wieder zu verr√§umen.
    nat√ľrlich nicht ohne uns vorher einen detaillierten plan auszuarbeiten.
    in diesem sinne w√ľnsche ich ihnen weiterhin viel aufsehen und erfolg.

  5. *A,

    Wow, vielen Dank f√ľr das nette Statement, lieber Max Bahr-Mitarbeiter, eine wirklich sch√∂ne Reaktion! Und die Aktion h√§tte nicht funktioniert, wenn gleich wieder alles im Regal gestanden h√§tte (wie bei der Konkurrenz ja getestet) ‚Ästdeshalb vielen Dank f√ľr die unfreiwillige Kooperation! Und es freut uns nat√ľrlich auch riesig, dass ihr die Kunstwerke sogar f√ľr die anderen Mitarbeiter habt stehen lassen… Bis bald also vielleicht mal wieder…

  6. geile aktion!

    w√ľnsche euch auf jeden noch mehr solch gelungene “ausstellungen”!

  7. iriesa,

    jawoll, mehr davon! vielleicht mal in nem supermakt?

    alles gute weiterhin!

  8. petra,

    bin voll neidisch- das hätte ich auch gern gesehen

  9. Walter8Disney,

    seeeeehr coole aktion…w√§re toll sowas mal in √∂sterreich sehen zu k√∂nnen

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