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Kristofer Paetau & Ondrej Brody: “Ein lebendiger Gartenzwerg”

Skandal in der Provinz: Kristofer Paetau & Ondrej Brody(PARASITES#3) haben den Balmoral-Kunstpreis fĂĽr ihren lebendigen Gartenzwerg in Bad Ems gewonnen – aber der Kultur-Staatssekretär versteht´s nicht und distanziert sich jetzt davon (freut sich aber bestimmt ĂĽber Eure Post und aufklärenden Telefongespräche):

“Sehr geehrte Frau Dr. Perrier,
sehr geehrter Herr Zimmermann,

auf mögliche Medienanfragen zum Balmoral-Kunstpreis fĂĽr das Projekt “Ein lebendiger Gartenzwerg” werde ich wie folgt antworten: “Ich distanziere mich von der Juryentscheidung des Fördervereins Balmoral 03 e.V., das Projekt “Ein lebendiger Gartenzwerg” mit dem Balmoral-Kunstpreis auszuzeichnen. Die Vorauswahl der Projekte wie auch die Auswahlentscheidung sind alleinige Angelegenheit des Fördervereins Balmoral 03 e.V. Zwar ist das Ministerium an der Preisvergabe weder mit Personal noch mit Fördermitteln beteiligt, dennoch will ich mein Unverständnis fĂĽr diese Form der kĂĽnstlerischen Auseinandersetzung zum Ausdruck bringen, die ein nicht zu akzeptierendes Menschenbild transportiert. Es ist daher auch nicht vorstellbar, dass geplante Aktionen in rheinland-pfälzischen Schulen stattfinden.”

Schöne Grüße
Walter Schumacher
Kultur-Staatssekretär
MINISTERIUM FĂśR BILDUNG, WISSENSCHAFT, JUGEND UND KULTUR
Mittlere Bleiche 61, 55116 Mainz / Telefon +49 6131 162830 / walter.schumacher@mbwjk.rlp.de”

Und hier die Erklärung von Kristofer Paetau: “Mein Projekt ist Gegenstand des vom Förderverein Balmoral 03 e.V. verliehenen Kunstpreises zum Thema Provokationen aus der Provinz. Die im Wettbewerb eingeladenen KĂĽnstler waren in Idee und Wahl der Mittel vollkommen frei, sofern sie in irgendeiner Form auf den öffentlichen Raum Bezug nehmen. Wichtig war eine kritische Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen Relevanz provinzieller Strukturen. Ich wurde vom KĂĽnstler Diego Castro eingeladen, ein Projekt einzureichen. Die Jury – zusammengesetzt aus Prof. Dr. Hilmar Hoffmann, Frankfurt, Intendant Dr. Robert Fleck, Bundeskunsthalle Bonn, Prof. Eberhard Bosslet, Hochschule fĂĽr Bildende KĂĽnste, Dresden, Dr. Danièle Perrier, Leiterin des KĂĽnstlerhauses SchloĂź Balmoral und fĂĽr den Förderverein Elisabeth Sauer-Kirchlinne, Koblenz, sowie der Vorsitzende Wilhelm Zimmermann, Frankfurt – hat den Kunstpreisträger gewählt.

Das Projekt Ein Lebendiger Gartenzwerg in Bad Ems, besteht aus drei Teilen und wird von mir in Zusammenarbeit mit meinem KĂĽnstlerkollegen und Freund Ondrej Brody (Tschechien, Jahrgang 1980) realisiert:

1) FĂĽnf Tage lang (11.10 – 15.10 2010) wird ein kleinwĂĽchsiger Mann als Gartenzwerg verkleidet der mich und Ondrej Brody in Bad Ems begleiten wird. Wir werden im öffentlichen Raum und auf Bestellung in privaten Gärten von Bad Ems und Umgebung auftreten. Der kleinwĂĽchsige Mann ist der Tschechische Schauspieler Josef Zeman (1959), der auch als Fotomodell in Prag arbeitet. Ondrej Brody hat ihn ĂĽber eine Casting Agentur fĂĽr Film und Fernsehen ausfindig gemacht und fĂĽr die kĂĽnstlerische Aktion kontaktiert. Die KĂĽnstler werden die Begegnung mit den Bewohnern filmen und fotografieren.

2) Am Wochenende vom 16. und 17.10 2010 wird im Schloss Balmoral ein Zeichnungs-und Malerei Event stattfinden. Alle KĂĽnstler der Region, Kunstinteressierte und Hobbymaler sind eingeladen, den lebendigen Gartenzwerg, der Modell stehen wird, zu zeichnen und zu malen.

3) Direkt im Anschluss danach, am Sonntag, 17. Oktober um 16 Uhr, findet die Abschlussausstellung in Schloß Balmoral statt. Die Ausstellung wird eine Auswahl von Zeichnungen und Gemälden der am Zeichnungs-und Malerei Event Teilnehmenden zeigen sowie ein großes Gemälde mit demselben Motiv, welches die Künstler in China bestellt haben. Auch das Dokumentarvideo – das die Begegnungen mit der Bevölkerung zeigt – wird ausgestellt.

Nachdem eine erste Pressemitteilung zum Projekt am Donnerstag 16.09.2010 kommuniziert wurde, sind kritische Ă„uĂźerungen zum Projekt eingetroffen. Manche distanzieren sich vom Projekt, weil sie der Meinung sind, es sei “un-ethisch” einen kleinwĂĽchsigen Menschen in der Ă–ffentlichkeit auftreten zu lassen und aus Angst, das Projekt könne missverstanden werden, besonders durch Kinder sowie Menschen im Altersheim. Es scheint, als ob die „Provokationen aus der Provinz“ am besten schon vorab aufgelöst werden sollen. Doch eine kĂĽnstlerische Arbeit abzulehnen, weil ein kleinwĂĽchsiger Schauspieler in die Rolle eines Gartenzwerges schlĂĽpft – was sein alltäglicher Brotverdienst ist – finde ich problematisch. In der Filmgeschichte – um nicht nur von ‘Bildender Kunst’ zu reden – gibt es zahlreiche Klassiker, in denen kleinwĂĽchsige Menschen mit Humor oder mit Ironie dargestellt werden. Doch hat Kunst und Ă„sthetik immer auch mit Ethik zu tun. Die „Provokationen aus der Provinz“, die mich interessieren, liegen natĂĽrlich nicht darin, mich ĂĽber einen kleinwĂĽchsigen Menschen lustig zu machen, sondern darin, das gesellschaftliche Phänomen des Gartenzwergs kĂĽnstlerisch und kritisch zu hinterfragen und durch die lebendige Verkörperung des Gartenzwergs im Ă–ffentlichem Raum zu experimentieren.

In der Geschichte haben zwergwüchsige Menschen eine bedeutende Rolle gehabt, waren sie an den Höfen die Einzigen, die dem Herrscher die Wahrheit ins Gesicht sagen durften und dies in voller Öffentlichkeit. Ihnen wurde also eine fast magische Kraft zuerkannt, Weisheit und politisches Geschick. Sie hatten daher Narrenfreiheit.

Der Mythos des Zwerges hat daher eine zwiespältige Stellung: da er die Macht hatte, mit spitzem Mundwerk die Machtmechanismen und Beziehungen zu entlarven, waren ihm sowohl Weisheit als auch gelegentlich Bosheit eigen. Man denke zum Beispiel an Alberich in Wagners Ring. Doch in den Märchen ist er meistens positiv besetzt, wie die sieben Zwerge in Schneewittchen, wo sie als alt, weise und hilfsbereit auftreten. Das ist wohl das Bild, das zur Entwicklung der Gartenzwerge führte, eine Tradition, die bis heute besteht. Man schätzt, dass es heute allein in deutschen Gärten etwa 25 Millionen Gartenzwerge gibt. Und nicht umsonst ist dem Zwerg im Deutschen Pavillon der Expo Shanghai ein Ehrenplatz gewidmet. Er gehört sozusagen zum Markenbild Deutschlands. Problematisch wurde die Produktion der Zwerge durch Plagiate, die weniger aus dem asiatischen Raum kamen, als vielmehr aus Osteuropa. Die Ironie wollte es zudem dass auch unser Kleinwüchsiger Schauspieler aus Osteuropa kommt.

Obwohl Gartenzwerge seit den 60er Jahren mit ironisch-kritischem Unterton betrachtet werden und als Inbegriff des Spießbürgertums, als Zeichen des schlechten Geschmacks und als Kitsch angesehen werden, sind sie Bestandteil des Bildes das Deutschland im Ausland von sich zeigt, denn wie wäre es sonst zu erklären, dass Gartenzwerge einen Ehrenplatz im Deutschen Pavillon der Expo 2010 in Shanghai hat und Chinesen sich mit Vorliebe mit ihnen fotografieren lassen!

Aufgrund modernerer Zwerge und einer geänderten Einstellung zu Kitsch und Camp, so durch die Kritikerin Susan Sontag und beim Werk von Jeff Koons, hat sich dieses Bild teilweise gewandelt. Nach 1990 erlebte der Gartenzwerg eine „Wiedergeburt“ durch die Schaffung provokativer Modelle. Nun wurden beispielsweise Zwerge mit Messer im Rücken, oder als Exhibitionisten die den „Vogel“ zeigen, Zwerge mit Motorsäge, mit erhobenem Stinkefinger oder auch mit den Gesichtern berühmter Politiker wie Schröder, Kohl, Gysi, Blüm, Lafontaine usw. modelliert und hergestellt.

Der Gartenzwerg hat also eine lange Geschichte als ‘Provokateur’. Was mich an dem Projekt besonders interessiert ist, mit einem kleinwĂĽchsigen Schauspieler die Tradition, Skulpturen von Zwergen in Gärten aufzustellen, kritisch zu hinterfragen und dabei die Bewohner von Bad Ems und Umgebung in die Debatte mit einzubeziehen. Es geht mir auch darum, eine andere Art von öffentlichem Kunstwerk zu realisieren: Der Schauspieler wird als ‘Lebendige Skulptur’ mit der Bevölkerung von Bad Ems in Kontakt treten – und wenn ich Skulptur sage meine ich, dass er die Rolle einer lebenden Skulptur ĂĽbernimmt. Ein Begriff, der in
der Gegenwartskunst 1970 vom Künstlerduo Gilbert & George (England, Jahrgang 1943 und 1942) geprägt wurde, als sie in einer Galerie als The Singing Sculpture auftraten.

Viele Kunstwerke im öffentlichen Raum stoĂźen auf Ablehnung von Politikern, Bewohnern, selbst von KĂĽnstlern und Kunstkritikern. Die BegrĂĽndung der Ablehnung variiert, aber Fakt ist: der öffentlicher Raum ist ein schwieriger Raum fĂĽr die Gegenwartskunst. Das ‘Publikum’ im Ă–ffentlichen Raum ist meistens nicht auf Gegenwartskunst vorbereitet oder wĂĽnscht sich vielleicht gar nicht damit konfrontiert zu werden. In meinem Projekt ist es insofern noch provokanter, da wir auch direkt auf die Menschen zugehen werden. Wie das Projekt angenommen wird, ist auch fĂĽr uns eine Ăśberraschung. Ob Ablehnung oder hoffentlich auch Neugier, humorvolle Begegnung und Nachdenklichkeit bleibt offen. Das Nachdenken verstehe ich nicht nur als kognitiven Prozess, sondern auch als (poetische) Erinnerung einer Begegnung mit dem Lebendigen Gartenzwerg. Viele Kritiker meines Projektes machen sich im Vorfeld Sorgen, dass manche Bewohner (besonders Kinder) das Projekt missverstehen könnten. Dazu habe ich Lust zu sagen, dass Kunst immer missverstanden wird und dass all die Missverständnisse letztendlich zum Verständnis der Kunst beitragen. Ich verstehe die Besorgnis, Kinder wissen vielleicht nichts von Gartenzwergen und könnten denken, es sei geil sich lustig ĂĽber einen kleinwĂĽchsigen Menschen zu machen. Durch ĂĽbertriebene Besorgnis fĂĽr das, was Kinder verstehen können oder nicht, tun wir den meisten Kindern Unrecht. Ich wage dies zu behaupten, weil ich eine 14-monatige Tochter habe. Sie versteht zwar nicht WAS man sagt, aber sie versteht WIE man es sagt. Sie kann sehr gut Ernst und Humor, Wut und Freude, Stress und Gelassenheit voneinander unterscheiden, ohne ein Wort zu verstehen. Das beeindruckt mich und deshalb denke ich, dass Kinder das Projekt sehr wohl durch unsere AttitĂĽde mit dem lebendigen Gartenzwerg verstehen können. Wir informieren aber jetzt schon vorab die Bewohner durch Pressemitteilungen, E-Mails, Plakate und Flyers und bieten an, den lebendigen Gartenzwerg im eigenen Garten einzuladen und ihn zu fotografieren oder fotografieren zu lassen. Damit hoffe ich, dass wir ganz unterschiedliche Personen erreichen werden und auch Bewohner, die sich etwas vorab informieren konnten. Wenn nicht, werden wir auf der Stelle informieren und improvisieren mĂĽssen, das finde ich interessant. Eine kĂĽnstlerische Arbeit, die kein Risiko des Scheiterns und keine Ăśberraschung mit sich trägt, ist meistens nur schön langweilig.” Kristofer Paetau, Bad Ems, den 29.09.2010 Via: Mail, danke!

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