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Interview: Rik Reinking über Street Art

“Diese Kunst kommt schon sehr lecker daher”: Das Interview mit Rik Reinking, dem Hamburger Sammler und Kurator der Lüneburger “ARTotale“. Das Interview ist, so wie auch das Gespräch mit der autonomen a.f.r.i.k.a.-gruppe, im neuen Buch “Sticker 2″ erschienen.

Sammeln sei eine Mischung aus Machtdemonstration, Kaufkraftexhibitionismus und Konsumgeilheit, meint der Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich. Was trifft auf Dich zu?

Rik Reinking: Das ist total eng gedacht. Man wird nicht mächtig, in dem man Kunst sammelt. Kunst ist immer das wert, was man zu einem gewissen Zeitraum bereit ist, dafür zu zahlen. Es gibt Konditionen, und zu denen einigt man sich dann oder nicht. Es gibt natürlich Sammler, die signalisieren möchten, was sie sich leisten können. Aber das gilt auch nur für extrem teure Künstler, die künstlich in ein teures Preissegment katapultiert wurden. Das interessiert mich überhaupt nicht. Sonst würde ich mich ja auch mit anderen Künstlern beschäftigen. Sammeln ist für mich eine Sucht, aber keine Geilheit. Und Konsumieren muss man immer – wirtschaftlich wie inhaltlich.

Aber warum sammelst Du? Warum musst Du Kunst besitzen?

Ich könnte natürlich auch als Kurator arbeiten. Ich müsste keine Lagerkosten zahlen und würde viel weniger Geld ausgeben. Aber ich will langfristig mit der Kunst arbeiten. Ich will sie immer wieder in neuen Kontexten zeigen. Und damit leben. Und ich will auch diese Belastung spüren. Das hält einen wach und am laufen. Aber ich habe keine Kunstmarkt-Bulimie – ich muss nicht kaufen um zu verkaufen.

Was fasziniert Dich an Street Art?

Ich fühle mich von dieser Kunst verstanden und ich kann mich in dieser Kunst fühlen. Es entspricht meiner Generation – und ähnlich wie beim Fluxus verlässt diese Kunst das Museum und den Ausstellungsraum. Jetzt gibt es eine Generation, die im öffentlichen Raum aufgewachsen ist, im öffentlichen Raum Kunst gemacht hat und diese wieder in den musealen Kontext bringt. Dabei sind viele Positionen von jungen, zeitgenössischen Street Artists ähnlich wie bei David Hammons, Alan Kaprow und vielen Fluxus-Künstlern – und das fasziniert mich.

Du hast als einer der ersten Street Art gesammelt. Inzwischen gibt es viele Sammler in diesem Bereich. Nerven Dich Kollegen, die jetzt auf den Trend aufspringen?

Das einzige, was daran schade ist, dass viele Arbeiten teurer werden. Jetzt ist schon vieles dabei, was ich mir nicht mehr leisten kann. Aber ich finde das ganz amüsant. Vor einigen Jahren gab es noch viele, die mich für genau diesen Teil meiner Sammlung ausgelacht haben. Und die kommen jetzt angerannt und fragen mich um Rat, wo sie noch Street Art kaufen können. Aber das ist mir alles völlig egal, denn Trends interessieren mich nicht. Ich hatte den Dialog mit den Künstlern vor 10 Jahren und ich habe ihn noch heute. Und mit einigen wird es einfacher, mit anderen schwieriger. Es hängt davon ab, wie sich ein Künstler positioniert und wie sehr er sich vom Kunstmarkt verreinahmen lässt. Manchen steigt der Ruhm und das Geld schon sehr zu Kopf.

Von welchen Künstlern sind die Preise stark gestiegen?

Banksy, Os Gemeos, Swoon, Zevs und Daim sind unglaublich teuer geworden.

Alles Künstler, die Du selbst sammelst.

Ja…

Woran liegt das? Hast Du Deinen eigenen Künstler durch Ausstellungen groß gemacht?

Nein. Swoon und Os Gemeos werden zum Beispiel jetzt auch von Deitch vertreten, einem mächtigen New Yorker Galeristen. Aber das sind auch alles Künstler, die konsequent und verantwortungsbewusst mit ihrem Werk umgeben. Und ich sammle diese Künstler, weil ich sie auch am längsten beobachte und mit ihnen auch am meisten zu tun habe. Es wäre ja komisch, wenn ich nur Kunst sammeln würde, die erst seit einem halben Jahr ein Thema sind. Das ist ganz natürlich gewachsen. Street Art bestimmt seit vielen Jahren meinen Alltag und ich habe auch meine Freunde in diesem Bereich.

Aber warum ist das Interesse von Markt, Museen und Medien so gewachsen?

Weil alle sehen, dass Street Art authentisch ist. Auf dem Kunstmarkt sehe ich dagegen nur wenig Authentisches. Auf Messen gibt es unglaublich viel Mist, der extra für den Kunstmarkt produziert wurde – oft im kleinen Format, damit man es sich gleich unter den Arm klemmen kann. Der Kunstmarkt wird natürlich aufmerksam, wenn er sieht, dass da etwas wirtschaftlich erfolgreich ist. Und wenn die Nachfrage steigt, dann geht eben auch der Preis hoch. Und Museen haben erkannt, dass Street Art Zeitgeschichte und ein Zeitdokument ist. Wenn wir in zehn Jahren zurückschauen, dann wird diese Zeitspanne historisch sein und auch die Künstler, die in ihr gelebt haben. Viele Museen springen natürlich auf den Zug auf, weil sie in zehn Jahren die ersten sein wollen, die das bereits erkannt haben. Das sind Eitelkeiten. Und warum die Medien begeistert sind, ist klar: Diese Kunst kommt schon sehr lecker daher. Sie ist zugänglich, denn sie will ja möglichst viele Leute erreichen. Das ist ja keine Donald-Judd-Kiste, über die sich 90 Prozent der Besucher aufregen, denken “Was soll der Scheiß” und ihr Bier darauf abstellen. Außerdem ist Street Art eine globale Bewegung. Auch beim Fluxus gab weltweit Künstler, die eine gemeinsame Bildwelt und -sprache hatten. Mit verschiedenen Akzenten und jeder mit einer eigenen Handschrift, aber trotzdem gab es eine Gruppe und eine Bewegung. Dann kam lange, lange nichts – und heute gibt es Street Art.

Viele sagen Street Art wäre ein Trend – und Trends sind nach fünf Jahren meist wieder vorbei. Wird schon bald niemand mehr über Street Art sprechen?

Das ist ja ein Spiel. Und das ist beim gesamten Kunstmarkt so: Preise werden künstlich noch oben gepumpt und dann lässt man Preise wieder einbrechen. Von Auktion zu Auktion steigen die Arbeiten mit den Schätzungen. Die heutigen Auktionshäuser kann man alle vergessen, weil sie keinerlei Verantwortungsbewusstsein haben.

Welche Künstler werden sich durchsetzen?

Verantwortungsbewusstsein dem eigenen Werk gegenüber ist das Wichtigste. Wenn der Künstler möchte, dass man ihn Ernst nimmt, wenn er ein höheres Preisniveau erreichen möchte, dann muss er dem Preis, dem Käufer und dem Markt gegenüber verantwortungsbewusst sein. Es gibt Künstler, die haben einen entspannten Umgang mit ihrem Werk, und denen ist das egal. Und andere sind an hohen Preisen interessiert. Aber ein hoher Preis sagt nichts über die Qualität einer Arbeit aus. Ich kenne fantastische Künstler, die seit Anfang an dabei sind, und von denen kann man noch immer Originale für hundert Euro kaufen. Und dann gibt es Künstler, die sind auf Auktionen richtig teuer. Aber ein Markt wächst erst über die Zeit – es ist immer eine Frage von Angebot und Nachfrage. Das kann man jetzt noch gar nicht absehen. Manche werden wegbrechen, manche werden vielleicht einfach einen Bürojob annehmen – viele sind ja noch sehr jung. Aber andere werden weiter machen, weil sie gar nichts anderes machen können, die haben so eine unglaubliche Motivation und Energie.

Nach welchen Kriterien wählst Du die Künstler aus, die Du sammelst?

Nach Ernsthaftigkeit und Qualität. Und Arbeiten, die mich beschäftigen. Eine Sammlung ist immer eine Visitenkarte, ein Porträt, das kann man komplett auseinandernehmen und deuten. Ich mag Fluxus, Minimal Art und Urban Art miteinander kombinieren. Weil ich dann sehe, dass Jochen Gerz Sachen gemacht hat, die JR heute macht. Und Klaus Staeck politische Themen behandelt hat, die man heute wieder auf Siebdrucken von ganz jungen Künstlern sieht. Es ist ja überhaupt lustig, dass diese junge Generation wieder mit Siebdrucken arbeitet. Auf einmal ensteht wieder ein neuer Grafikmarkt, der schon längst tot gesagt war. Das ist kunsthistorisch absolut relevant und interessant, was da gerade wieder statt findet. Deshalb finde ich es auch ignorant und arrogant sich hinzustellen und zu sagen, Street Art wäre nur ein Trend und in fünf Jahren wieder vorbei.

Warum wiederholen sich bestimmte Themen immer wieder?

Ein guter Künstler beschäftigt sich kritisch mit sich und seiner Zeit, mit gesellschaftlichen und politischen Missständen. Das ist wie in der Literatur. Man kann ein 200 Jahre altes literarisches Stück lesen und denken, dass es heute spielt. Gesellschaftliche Problematiken wiederholen sich eben immer wieder und dann natürlich auch in der Kunst.

Street Art ist vom Prinzip her ja temporär. Theoretisch dürfte es da nur wenige Werke auf dem Kunstmarkt geben.

Ja, es gibt wenig Authentisches. Künstler wie Blu machen gar keine kommerziellen Geschichten. Wenn man Glück hat, verkauft er einem eine Zeichnung aus seinem Skizzenbuch, und die sind dann auch wirklich sehr teuer. Aber das ist bei ihm das einzige, was man überhaupt bekommt. Und das ist auch gut und konsequent so. Der lebt für die Sache. Und dann gibt es andere Künstler, die bringen jeder Woche einen neuen Print oder eine Leinwand in Auflage heraus – das wird dann durchgespielt bis zum Umfallen. Ein wenig rar sollte man sich mit seinem Werk schon machen. Man kann nicht gnadenlos fluten und denken, das geht dann immer so weiter.

Verliert Street Art nicht seinen Reiz, wenn es musealisiert und institutionalisiert wird?

Nein. Es handelt sich dabei ja um völlig unterschiedliche Arbeiten. Es gibt Arbeiten, die funktionieren nur im Innenraum, andere dagegen nur auf der Straße, und wieder andere funktionieren überall. Und manche Künstler beschäftigen sich auch genau mit dieser Schnittstelle. Aber der Reiz geht dabei nicht verloren. Manche Arbeiten verlieren etwas und bei anderen Arbeiten kommt etwas hinzu. Aber da muss man sich frei machen – und eine illegale Arbeit im öffentlichen Raum wird natürlich immer etwas völlig anderes bleiben.

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