Popular Tags

Interview: autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe über Street Art

Foto: Evol

Schon mal ein erster Vorgeschmack auf das neue “Stickers2“-Buch (292 Seiten, Die Gestalten, 38 Euro:
Amazon-Partnerlink: Sticker 2) – vollgepackt mit über 700 Abbildungen von rund 150 internationalen Künstlern, dazu alle Stickeraward-Höhepunkte der vergangenen Jahre und viele Theorietexte von u.a. Christian Hartard, Andreas Ullrich, Wiebke Gronemeyer – und mir. Für das Buchprojekt habe ich die autonome a.f.r.i.k.a.-gruppe (Amazon-Partnerlink: Handbuch der Kommunikationsguerilla) zu den Themen Street Art, Subversion und Ästhetik befragt.

Ihr habt Euch in Eurem Buch “Handbuch der Kommunikationsguerilla” auch mit Graffiti beschäftigt. Wie hat sich die Szene in den letzen zehn Jahren verändert?

Die ersten Graffiti waren wohl die Parolen, die die Arbeiterbewegung an die Wände malte. Insofern ist ein Zeitraum von zehn Jahren zur Beobachtung größerer Verläufe eher kurz gegriffen. In jedem Fall hat sich die Form der Graffiti ausdifferenziert. Generell ist die enorme Quantität beachtlich. Dabei sieht man zwei Richtungen, zum einen die Tags, die keinen ästhetischen Anspruch haben, sondern so etwas wie Duftmarken derer sind, die ansonsten keine Möglichkeit haben, im öffentlichen Raum Spuren zu hinterlassen. Zum anderen hat sich die Form der Graffiti weiter ausdifferenziert: der Kunstkontext ist hinzugekommen, in dem Graffiti-KünstlerInnen jenseits von politischen Parolen ästhetische Ansprüche erheben und um die Anerkennung von Graffiti als Kunst ringen. Das überrascht nicht weiter: Alle Subkulturen und Formen des Protests sind mit dem Problem der Vereinnahmung konfrontiert, und es ist geradezu die Funktion des Kunstbetriebs, dabei eine Vorreiterrolle zu spielen. Trotzdem wird es immer subversive Graffiti geben, und ebenso “Zwischenwelten” – wie beispielsweise im Falle des “Sprayers von Zürich”, Harald Naegeli, bei dem aufgrund seiner Pionierfunktion und seiner ästhetischen Versiertheit beide Ansprüche in hohem Mabe verwirklicht wurden.

Wann ist ein Sticker subversiv?

Die Form an sich ist nicht subversiv, es kommt, wie immer, auf den Kontext an. Auch ein CDU-Sticker kann subversiv sein, wenn er entsprechend platziert wird. In der süddeutschen Kleinstadt Marbach a. N. tauchten einst CDU-Aufkleber auf, die für den Besuch des damaligen Bundespräsidenten Herzog warben. Diese klebten auf zahlreichen Autos, worüber sich die Autobesitzer dann heftigst empörten. Und natürlich glaubte niemand der CDU, dass diese Aufkleber nicht von ihr stammten. Je nach Situation ist es also die ungewohnte Kombination von Inhalt, Ort und Form, die Irritationen provoziert und damit Kritik formulieren und zur Subversion beitragen kann. Aber es gibt keine Versicherung auf Subversivität. Das gilt nicht nur für die Kunstpraxis, sondern auch für politisch verstandene Praktiken der Kommunikationsguerilla –subversive Momente entstehen in konkreten Situationen und lassen sich weder garantieren noch nach Kochrezept zusammenbrauen.

Keine subkulturelle Praxis war je so angesagt wie Street Art. Heute feiert der Kunstmarkt die “Neuen Wilden” und die Werbeindustrie imitiert diesen Stil. Eine Tragödie?

Jede Subkultur und jeder Lebensstil wird vermarktet. Der Erfolg von Graffiti ist keine Niederlage, sondern zeigt nur, dass bestimmte Formen des Sich-zu-Wort-Meldens populär sind und dass daran angeknüpft werden kann. Es ist ein Ausdruck der Stärke von Subkulturen, dass ihre Artikulationsformen von ganz anderen Leuten aufgegriffen werden als denen, die damit angefangen haben, und in anderen Kontexten benutzt werden. Auch die andere Seite, die Faschos und Nazis versuchen, diese Formen zu imitieren. In ihrer konformistischen Rebellion und ihrem vermeintlichen Aufbegehren übernehmen sie Protestformen und versuchen hierüber eine Pseudo-Opposition zu artikulieren. Die Tatsache, dass Ästhetiken “entführt” werden können , sei es durch deren Vermarktung oder indem sie von Nazis übernommen werden – die Autonomen Nationalisten haben sich zum Beispiel die gesamte autonome Ästhetik und Rhetorik des Straßenkampfes angeeignet – sollte misstrauisch machen: Die Form politischer Artikulation allein (also etwa Graffiti, Sticker oder bestimmte Kleidungscodes zu benutzen) macht noch kein politisches Bekenntnis aus. Aber das heißt umgekehrt nicht, dass die Erfindung und Fortentwicklung politischer Ausdrucksformen umsonst wäre. Es gibt keinen sicheren Ort, wir befinden uns in einer permanenten Auseinandersetzung und ringen permanent um die Hegemonie. Deshalb müssen Inhalt, Kontext und Ausdrucksform immer zusammengedacht werden. Der Rest ist Handwerk. Aber das braucht es eben auch: Wir brauchen Menschen, die den Mut haben, zu sprühen und nachts ihre Sticker zu verkleben. Man darf sich keine Illusionen machen: Die Werbeindustrie wird immer versuchen, sich Jugendkulturen anzueignen und davon zu profitieren. Das ist nicht weiter tragisch. Tragisch ist nur das Missverständnis, es könne kulturelle Formen geben, die ‘an sich’ antagonistisch, kritisch, oder subversiv sind. Wer denkt, er sei schon dadurch subversiv, dass er sich zu einer bestimmten Subkultur zählt, die entsprechende Symbolsprache praktiziert und die dazugehörenden Kommunikationsrituale absolviert, der ist gefangen in einer pubertären Perspektive des Aufbegehrens, die irgendwann abgeschlossen sein wird. Und spätestens dann sind alle seine Insignien, Zeichen und Symbole Teil der kapitalistischen Verwertung geworden.

Aber verliert Street Art durch ihre Omnipräsenz an Macht und Möglichkeiten?

Um es mit der Position von Jean Baudrillard zu sagen: Der Versuch einer öffentlichen Beklebung, also einer Aneignung des öffentlichen Raums durch Street Art, ist ein Ringen darum, zu bestimmen, wie der öffentliche Raum auszusehen hat. Auch das ist ein politischer Akt, und jeder, und eben nicht nur die Mächtigen und Werbetreibenden, kann sich daran beteiligen. Aber uns ist diese Argumentation zu formal. Wir kennen etwa das Beispiel des Hamburger Szene-Viertels Wilhelmsburg, in dem die Parole im Umlauf war, es solle besser nicht gesprüht werden, da Graffiti einem bestimmten Flair und Szenecharakter hervorbringen würden und somit die Gentrifizierung befördern können. Umgekehrt werden Street Artists von Gemeindeverwaltungen beauftragt, öffentliche Scheisshäuser zu dekorieren, um so dem tagging vorzubeugen. So kompliziert ist manchmal die Welt. Man muss schon ganz genau schauen, wann die Praktiken der Street Art und der Graffiti etwas bewegen können.

Fehlt es der neuen Generation an politischem Bewusstsein und Verständnis?

Die Erzählung von Generationen, die kein politisches Bewusstsein besitzen, machen wir nicht mit. Angeblich ist jede nachfolgende Generation immer unpolitischer und/oder dümmer als die vorhergehende. Diese immer wiederkehrende Mär zeugt von einer mangelnden intellektuellen Durchdringung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Vielleicht ist es ja auch genau anders herum: Vielleicht wissen die AkteurInnen der jüngeren Generation viel besser, wann bestimmte Dinge heutzutage politisch sind, unter Umständen haben sie einen anderen Begriff des Politischen und möglicherweise funktionieren politische Mobilisierungen heute eben auch anders. Heiligendamm ist so ein Beispiel – wer hätte gedacht, dass so viele als politisch aktive Menschen auftreten, erfolgreich Gegenaktionen auf einer symbolischen Ebene durchführen und dem G8-Gipfel die Schau stehlen würden. Wir empfehlen sehr vorsichtig zu sein, bevor man solche Behauptungen aufstellt.
Wir haben nämlich den Eindruck, dass sich politische Bewegungen heute anders konstituieren. Sie werden zunehmend projektförmiger, netzwerkförmiger, und funktionieren weniger im klassischen Modus der neuen sozialen Bewegungen mit Plenum und Basisgruppe. Tatsächlich gibt es eine fortschreitende Individualisierung, und Menschen organisieren sich häufig auf Zuruf. Aber sie sind durchaus bereit, sich zu engagieren, und die ad hoc entstehenden Projekte und Mobilisierungen können überraschend wirksam sein. Der klassische Aktivist ist natürlich unglücklich, aber das war er schon immer: Weil er immer schon zur Minderheit gehörte und sich als Speerspitze von Bewegungen verstand, die anderen sagen musste, wo es lang geht. Manchmal mögen Sticker und Graffiti einfach einem ästhetischen Selbstfindungsprojekt dienen. Auch das ist in Ordnung. Wir sind keine Leninisten, die andere bevormunden wollen und ihnen vorschreiben, was und wie sie zu kommunizieren haben. Wir akzeptieren, wenn sich Individuen die Sprühdose aneignen und damit ihr Ding machen. Und dann muss man eben auch damit rechnen, dass es nicht immer die passgenauen Formulierungen sind. Das kann man dann inhaltlich kritisieren, aber zunächst einmal ist es positiv und trägt zur Ermächtigung bei.

Was wäre Euer Rat an die kommende Generation?

Verschwende Deine Jugend! Man sollte nicht versuchen Teil einer Jugendbewegung zu sein – unabhängig von der Frage des Alters. Es geht auch nicht darum, die ganze Zeit “Kommunikationsguerilla” zu betreiben. Die Frage ist ja auch: Wen will ich eigentlich verunsichern und was möchte ich anstelle dessen setzen? Wie kann ich mir eine gesellschaftliche Veränderung vorstellen? Wie kann ich versuchen die marktförmige Durchdringung der Gesellschaft zu unterlaufen? Im Sinne einer emanzipatorischen Praxis wird dies immer der Anspruch sein – auch an gute Sticker und gute Graffiti.

Comments

4 Comments so far. Leave a comment below.
  1. 68bydesign,

    Dass man sich schon im ersten Absatz derart disqualifizieren kann…

  2. *A,

    Warum 68bydesign? Schreib doch mal, was du denkst? Fände mehr Debatte und kontroverse Statements echt gut…

  3. 68bydesign,

    “Dabei sieht man zwei Richtungen, zum einen die Tags, die keinen ästhetischen Anspruch haben, sondern so etwas wie Duftmarken derer sind, die ansonsten keine Möglichkeit haben, im öffentlichen Raum Spuren zu hinterlassen.”
    – ist einfach Bullshit.

  4. ben7000,

    na ja, du kannst schon unterscheiden zwischen ästhetischem und markierendem anspruch. aber dass tags generell keinen ästhetischen anspruch haben ist natürlich bullshit.

Add Your Comments

Disclaimer
Your email is never published nor shared.
Required
Required
Tips

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <ol> <ul> <li> <strong>

Ready?