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Moderne Heilige: Goulds “Sankt Nimmerlein”, 2010

Für seine Diplomarbeit an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee hat der Berliner Künstler Gould “Moderne Heilige” als Plakatserie gestaltet – und vom Hintergrund bis zu den kleinsten Accessoires extrem detailversessen und pointiert umgesetzt. Wow! Außerdem gibt’s zu jedem Heiligen auch noch eine treffende Biographie, zum Beispiel: “Sankt Gentrifizian ist der Patron der Hausbesetzer, Demonstranten und Vermummten, der Graffitisprüher, der Stadtsoziologen, aber auch der Fahrradfahrer und Fussgänger. Er wird als Kiezheiliger angerufen, um meist ärmere Stadtteile vor allzu großer Veränderung im Zuge so genannter Aufwertung zu bewahren und die Sanierung oder den Abriss von Häusern und die Verdrängung der Bewohner des Bezirks durch zahlungskräftigeres Publikum zu verhindern. Er soll Alteingesessene vor Zugezogenen schützen, jene wiederum vor noch später Dazugezogenen und sie allesamt vor Touristen. Sein Gedenktag wird am 1. Mai gefeiert, und er gehört wie z.B. auch St. Laurentius und Johanna von Orléans zu den Röst-Märtyrern.”

Gould erklärt: “Dieser Plakatserie zum Thema „Moderne Heilige“ liegt die christliche Tradition der Heiligen-Darstellungen als ein allgemein vertrauter Bilderfundus zugrunde. Die einzelnen Plakate haben jeweils ein gesellschaftlich relevantes Thema/Problemfeld zum Gegenstand. Die inhaltliche Auseinandersetzung findet in zumeist ambivalenter Weise statt, nicht zuletzt auch deshalb, weil Themen wie Globalisierung, Gentrifizierung, Klimawandel und Finanzkrise in ihrer Komplexität keine einfachen Standpunkte zulassen. Christliche Heilige haben in unserer Gesellschaft stark an Bedeutung eingebüßt, und viele ihrer ehemals gebündelten Funktionen (Vorbildhaftigkeit, Hilfe, Schutz, Trost, …) haben sich inzwischen womöglich auf Versicherungen, Ärzte, Politiker, Popidole und andere Institutionen/Personen, um nicht zu sagen Ersatzheilige, verteilt (Mahatma Gandhi, Simone de Beauvoir, Martin Luther King, Madonna, Barack Obama, Steve Jobs, …). Trotzdem sind sie immer noch in der Kultur verankert, z. B. im Kalender: Man denke nur an die Wettersprüche zum Siebenschläfertag oder die beliebten Bräuche, Nikolaus und Silvester zu feiern. Außerdem gibt es unzählige berühmte Kunstwerke, die Heilige zum Gegenstand haben und nicht nur an sakralen Orten, sondern auch in staatlichen Museen zu bewundern sind.

Besonders spannend bei den Heiligendarstellungen sind zwei Aspekte: Zum einen haben die Bildwerke in der Regel einen sehr zeichenhaften Charakter. Durch prägnante Attribute kann man die einzelnen Heiligen immer wiedererkennen, wenn man sich einmal mit ihnen beschäftigt hat. Zum anderen haben sie, wenn es sich um Märtyrer handelt, eine sehr morbide Dimension, da sie meistens mit ihren Folterwerkzeugen gezeigt werden. Als Beispiel seien hier nur St. Petrus von Verona oder St. Erasmus genannt. Während ersterer meistens noch einen Säbel im Kopf stecken hat, trägt letzterer die Seilwinde bei sich, mit dem ihm die Gedärme herausgedreht wurden. Zusammen mit der Funktion als Schutzpatron/-in für bestimmte soziale Gruppen und gegen verschiedene Nöte oder Gefahren können das Symbolhafte und das Morbide in der Darstellung eine verblüffend direkte Allianz eingehen, wie z. B. bei Saint Denis. Er wurde enthauptet, ist daran zu erkennen, daß er seinen Kopf in den Händen trägt, und soll bei Kopfschmerzen und Gewissensbissen helfen.

Diese Aufladung mit Bedeutung ist wunderbar geeignet, um in der Plakatserie „Sankt Nimmerlein“ gesellschaftliche Themen in Angriff zu nehmen. Die Ausgangsfrage ist folgende: Für welche aktuell drängenden Probleme könnte es (im übertragenen Sinne) neue Heilige brauchen? Da Menschen frühestens 50 Jahre nach ihrem Tod heilig gesprochen werden können, ergeben sich notgedrungen Zuständigkeits-Lücken hinsichtlich neu auftretender Nöte, Gefahren und Krankheiten. Jedem Plakat ist eine sehr intensive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Themenfeld vorausgegangen. Insgesamt war es die Zielsetzung, ernsthaft und pointiert genug zu arbeiten, um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, all zu leichtfertig mit christlicher Tradition und ernsten Problemen umzugehen. Gleichzeitig war es bei der Umsetzung aber auch wichtig, humorvoll und vieldeutig genug zu sein, um sich nicht in Klichees oder zu naiver Weltverbesserei zu verlieren. Die neuen Heiligen sind als Gruppe eine Variation der ehemals sehr beliebten, volksnahen Vierzehn Nothelfer, aber als Einzelfiguren frei erfunden, was sich auch in der Wahl des bekannten fiktiven Heiligen St. Nimmerlein als Projekttitel wiederspiegelt. Am unteren Rand eines jeden Plakates befindet sich eine Art Sockelzone, in die der Name des_der Heiligen eingelassen ist, welcher sich immer am jeweiligen Thema orientiert. So heißt z. B. der Arbeits- und Obdachlosenheilige in Anlehnung an das lateinische Wort für überflüssig „St. Redundus“. Die Reihe besteht bislang aus zehn überlebensgroßen Plakatfiguren, die zum Teil schon als Siebdrucke realisiert sind. Als Schrift wurde die „Albula“ von Sarah Parsons verwendet.” Via: Mail, danke Gould!

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