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EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #7: “Graffiti und Gentrifizierung”


Bild: Hauseingang in Berlin Neukölln

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“, #5: “Gesichter und Buchstaben, #6: “Graffiti als Soziales Medium”) – und hier folgt #7: “Graffiti und Gentrifizierung”:

In dem Prozess der Vermarktung von Vierteln wird Graffiti oft eine nützliche Rolle zugeschrieben. Grob gesagt, gefragtes Dekor zu sein, zur Steigerung der Attraktivität der Wohngegend für die Kreativbranche. Aber nur zu einem bestimmten Punkt, an dem dann selektiv überstrichen wird und einzelnes auf Leinwände gehoben wird. Bei der Frage von abgegrenzten Vierteln wären gleich am Anfang besprühte Züge interessant, da die Züge ja über die Viertelgrenzen hinweg fahren und damit Abschottungen und die genannten Auswahlprozesse was denn nun lokal willkommene Wandbilder sind unterwandern. Auch generell wandert Graffiti ja, die Spots werden bereist.

Aber allgemeiner. Wichtig für solche auf Oberflächlichkeit gründenden (Kapital-) Aufwertungsprozesse ist das Stadtbild. Im Speziellen wenn wir über Stadtveränderung sprechen: das Bild, das die Aufwertungsakteure von dem Prozess in dem sie sich befinden haben. Dabei machen sie sich auch ein Bild der im Stadtteil präsenten Subkultur. So kommt dann dieses Schema zustande, dass Graffiti als gleichzeitig Auf- und Abwertung verstanden wird: dekorativ die Hippness steigernd und auf der Ebene des Materials den Immobilienwert beschädigend.

Doch insgesamt ist das aber eher nur eine Behauptung, die getroffen wird durch die Aufwertungsregisseure (also Spekulationsfirmen und Stadtmarketingbüros), die sich halt erträumen die Oberfläche der Subkultur nutzbar machen zu können: also bunt-schmutzige Häuser billig kaufen und als angesagte Wohnungen teuer vermieten. Oberfläche heißt hier auch: eine existierende Bildlichkeit der Stadt wird zum oberflächlichen Stadtbild gemacht, statt die Buchstaben zu lesen und die Stile zu betrachten werden sie zum Dekor. Diese Vorstellung verbleibt bei einem rein marketingmäßigen Stadtbilds, in der Kultur und Subkultur nach ihrer wirtschaftlichen Nützlichkeit beurteilt wird.

Das Spannende, womit sich eben eine Kritik verbinden ließe, ist dass Graffiti selbst nicht in dieses Schema passt, sondern von seiner eigenen Form her einen Gegenentwurf darstellt: auf der einen Seite alternative Komponente einer jetzigen Stadt zu sein, also genau diese unhandliche Subkultur zu bleiben, die die Aufwertungsakteure versuchen nutzbar zu machen. Auf der anderen Seite aber Teil einer insgesamten Alternative zu sein, einer frei nutzbaren Stadt, eines unkontrollierten Schreibens.

Genau in der Mitte zwischen diesen zwei Tendenzen wird es interessant, wenn eben diese doppelte Alternative sich in das Stadtbild drängt, das die Aufwertungsakteure sich zurechtbasteln. Der Aufwertungsprozess will in eine Richtung fortschreiten (Wohneigentum das immer mehr wert wird) dafür kann er Graffiti teilweise brauchen, aber ziemlich schnell nicht mehr. Denn Graffiti stellt die Regie des Aufwertungsprozesses in Frage: Die Wände werden für freie Buchstaben genutzt, die Kontrolle über das Eigentum gerät aus den Händen des planmäßigen Aufwertungsprozesses, die zentrale Kontrolle der Besitzenden wird aufgeweicht, die Gegengeschichte wird sichtbar, zu der Graffiti (als kapitalwertlose und nutzlose und daher wirklich soziale Kunst) zu einem viel größeren Teil als zur Kapitalaufwertungsgeschichte gehört.

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