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EL SCHREIBT ÜBER GRAFFITI #5: “Gesichter und Buchstaben”

In unregelmässigen Abständen schreibt el für rebel:art eine Kolumne zum Thema Graffiti (#1: “Stylewriting und die globale soziale Plastik“; #2: “Alleine“, #3: “Mythos Writing“, #4: “An die Wände“) und hier folgt #5: “Gesichter und Buchstaben”:

In der Kathedrale von Saint Denis im Norden von Paris finden sich historische Graffiti auf einigen Statuen, unter anderem aus dem 17. Jahrhundert. Etwas überraschend sind sie überall auf den Figuren zu finden, auch direkt auf den Gesichtern. Diese Einkratzungen erscheinen auf den ersten Blick sehr aggressiv, schließlich wird das Material der Skulptur selbst angegriffen, die Oberfläche abgetragen. Jedoch, bei Untersuchung der Art und Weise wie die Buchstaben sich auf der Oberfläche schlängeln ohne Stoff- oder Gesichtsfalten kreuzen, erscheint ihre vorrangige Intention auf keinen Fall zu sein, das Äußere der Statuen anzugreifen oder ihren Zeichenwert zu verändern. Diese erscheinen lediglich als ein geeigneter Raum um eine Spur zu hinterlassen.

Auch die Schriftzüge auf einer Werbung in der Pariser Metro verdienen eine Untersuchung: der Wahl der Platzierung und der Art und Weise wie mit der Werbung interagiert wird. Die Schrift hat den Platz in der Werbung erhalten, an dem sie am effektivsten ist: Neben dem Gesicht, das selbst eine Zeichenqualität hat und in dem Bereich des Bildes das einer leeren Wand am meisten entspricht. Im Gegensatz zu der älteren Schrift auf der Statue wird das Gesicht nicht angerührt. Und auch der Slogan der Werbung bleibt intakt, die weiße Linie hätte nicht ausgereicht ihn zu verändern.

Im Vergleich dieser Schriften auf der Werbung in der Pariser Metro und der Statue in der Kirche können wir etwas über Gesicht und Buchstaben als öffentliche Zeichen lernen.

Die Person die den neueren Schriftzug ausgeführt hat, hat vielleicht angesichts des Gesichtsausdrucks gespürt, dass hier etwas über die Werbung selbst hinausweist, und das Gesicht daher nicht angerührt. Das menschliche Gesicht in der Öffentlichkeit, selbst in der Werbung, kann als etwas verstanden werden, was im modernen Kontext immer auf Ambiguität, Subjektivität und Menschlichkeit verweist. Hier in der Werbung stellt es einen tendenziell unkontrollierbaren Anteil dar, einen Fokus, in dem sich die Werbung selbst sabotieren kann, vergleichbar dem graphischen Eigenwert der typographischen Elemente.

Im Falle der älteren Tags auf dem Statuenkörper gibt es einen Unterschied: Das Gesicht selbst wird zum Bereich, auf dessen Oberfläche kommuniziert wird. Die Motivation muss gewesen sein, als durchreisender Besucher ein dauerhaftes Zeichen zu hinterlassen, wie im anderen Beispiel nicht so sehr mit der Wirkung des Werkes in Konkurrenz zu treten, sondern eben auch wieder etwas hinzuzufügen. Das Gesicht als Fläche für Ausdruck, das ist selbst wieder ein gesichtlicher Vorgang. Und dabei geht es mir hier nicht so sehr darum, was die Wörter sagen, welche Namen es genau sind und wie sie kalligraphisch ausgestaltet sind, sondern in welcher Form sie auftreten und wie sie sich zu ihrem Kontext verhalten.

Nochmal zu dem Graffiti auf der Werbung, es ist verwoben mit anderen urbanen Schichtungen und findet einen Platz im Bild um den eigenen Stil auszuspielen. Ein weicher Zug in der Auseinandersetzung zwischen Werbung und Writing, sich in das gegnerische Territorium bewegen und es intakt lassen und nutzen. Wir sollten über die vereinfachenden Analysen der Eroberung von öffentlichem Raum genauso hinausgehen wie über die Denunziation als Vandalismus. Um ein besseres Verständnis von Graffiti sowohl im historischen Tourismus als auch in der modernen Stadt zu erhalten, als kontextsensitiven schriftlich-künstlerischen Ausdruck.

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