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Buchkritik: Street Art. Legenden zur Straße

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Mehr Bilder von Just hier.

Zuerst dachte ich: Oh, nein, nicht schon wieder ein Street-Art-Buch. Es gab in den letzten Jahren einfach einen Overkill an Pseudo-Postgraffiti-Büchern, für die irgendein zweitklassiger Fotograf durch die Berliner Straßen spazierte, alles was irgendwie nach Poster/Sticker/Stencil aussah fotografierte, und einem Verlag, nach subversiven und rebellischen Themen hechelnd, als neuer, heißer Scheiß aus Berlin verkaufte. Und die pappten dann alles zwischen zwei Buchdeckel und vermarktete es als “Art Street Berlin. Berliner Street Art in Berlin” (Bronco).

Dann die Überraschung: “Street Art. Legenden zur Straße” der beiden Herausgeber – der Soziologin Katrin Klitzke (promoviert laut Klappentext an der TU Hamburg-Harburg über partizipatorische Kunstprojekte im öffentlichen Raum) und Christian Schmidt (Historiker, Ethnologe und Mitarbeiter im Berliner Archiv der Jugendkulturen) ist zur Abwechslung mal kein Bilderbuch geworden, sondern ein richtiges Lesebuch. Endlich hat mal jemand verstanden, dass es dem – gar nicht mehr so jungen – Phänomen Street Art noch immer an Theroriefutter mangelt. Und das deshalb in jedem Text über Street Art immer wieder die unvermeidbaren Fußnoten auftauchen: Baudrillard, Dada, Situationisten, Kommunikationsguerilla.

Leider sind genau diese Sekundärtexte auch wieder die liebsten Fußnoten der “jungen Wissenschaftler”, die das Herausgeber-Duo zusammengecastet hat, um das Phänomen Street Art mal komplett von allen Seiten zu beackern: Es geht um den Kunstmarkt, um die Ökonomie der Aufmerksamkeit, mediale Hypes, Werbung und Street Art, Architektur und Street Art, Politik und Konsumkritik (siehe unten das gesamte Inhaltsverzeichnis aus dem Vorwort).

Und damit das Buch dann nicht zu trocken wird, haben einige Künstler auch noch einen Beitrag beigesteuert – darunter sind Fotografien (wunderbare und humorvolle Stadtansichten von Evol), neue Arbeiten von Fox, Loso, Boxi, Klub7 und Kowalski, und der Höhepunkt des Buchs: das pointierte und unglaublich komische Street-Art-Musical von Bronco. Die jungen Wissenschaftler arbeiten sich am Phänomen Street Art ab – bemühen Theorien, suchen nach Vergleichen in der Kunstgeschichte, Soziologie und Politikwissenchaft, zitieren fleißig Bourdieu, Bey und Baudrillard – und oft fehlt ihnen leider dabei die spielerische Leichtigkeit der Künstler. Die Texte sind alle intelligent geschrieben, gut recherchiert und sprachlich ausgefeilt, aber trotzdem fehlt mir da manchmal eine wirklich neue, rotzfreche These oder vielleicht mal eine wirklich ketzerische Anti-Position.

Doch das größte Manko: Scheinbar stammen die meisten Texte aus dem Jahr 2007 – auch die meisten Bildbeispiele sind meist schon zwei bis drei Jahre alt. Natürlich haben viele der Texte trotzdem nichts von ihrer Aktualität verloren, aber trotzdem wirkt manches merkwürdig veraltet, und man vermisst viele aktuelle Bezüge, Beispiele und Kontroversen der Jahre 2008/2009. Ebenso stört mich an dem Buch noch der Berliner Klüngel: Ein zukünftiges Theorie-Standardwerk, dass mehr als das hundertste “Art Street Berlin. Berliner Street Art in Berlin”-Buch sein möchte, sollte stärker über den Tellerrand schauen. Die meisten Beispiele aus der Praxis präsentieren wieder Künstler aus Berlin (Street Art ist doch eine internationale Bewegung – also warum schaut man nicht auch mal ins europäische Ausland) und bei den Theorietexten der “jungen Wissenschaftler” bekommt man häufiger das Gefühl die Autoren wären alle aus dem gleichen “Fan”-Lager. Ein kritischer Ton wäre manchmal fast angebrachter gewesen – und bei vielen Texten habe ich zudem das unangenehme Gefühl, die Schreiber stammten aus gutbürgerlich-braven Familien, die sich deshalb mit Street Art beschäftigen, weil sie in ihrer Jugend selbst gerne zu den wilden Jungs und Mädchen gezählt hätten.

Fazit: Genug genörgelt… Das Buch ist absolut lesenswert! Und deshalb widme ich ihm ja auch so einen großen und ausführlichen Beitrag – denn immerhin ist es das wohl erste umfassende Theoriewerk zum Thema Street Art. Und schon mal dafür hat es großen Applaus verdient! Auch die unterschiedlichen Perspektiven und theoretischen Blickwinkel sind lobenswert. Und wäre das Buch noch einen Tick internationaler und dazu noch ein wenig aktueller, dann hätte es von mir auch auf jeden Fall die Note 1+ bekommen… Und dann hätte mich wirklich nur eins dabei geärgert: Das mich keiner gefragt hat, auch einen Beitrag beizusteuern…

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Hier noch das ganze Inhaltsverzeichnis aus dem Vorwort: “Clara Völker zeichnet beispielsweise den Hype um Street Art nach. Annika Lorenz betätigt sich als historische Fährtenleserin der Vorläufer und Vorlagen von Street Art in KünstlerInnenströmungen des 20. Jahrhunderts. Ilaria Hoppe geht dem Verhältnis zwischen Urban Art und (post)moderner Architektur auf den Grund. Anja Schwanhäußer betrachtet die illegalen Eingriffe in die Ästhetik der Stadt als Interventionen in lokale Atmosphären und Ordnungsstrukturen und setzt diese in Zusammenhang mit der situationistischen Technik des “Umherschweifens”. Robert Behrendt und Karin Klitzke greifen diese Idee auf und machen sich auf den gedanklichen und realen Gang durch die Stadt, um dem Mythos der Urbanität in, mit und durch Street Art auf die Schliche zu kommen. Heike Lüken untersucht das wachsende Interesse des etablierten Kunstmarktes an den mit Authentizität aufgeladenen Arbeiten der Street Artists und stellt die Frage, welche Folgen der Gang in die Galerien und Auktionshäuser für die Werke und HerstellerInnen hat. Nora Schmidt betreibt aus einer gegenläufigen Perspektive eine historisch infomierte und systemtheoretische Kontextualisierung von Street Art und geht dabei u.a. der Frage nach, wie illegale Straßenkunst auf das Kunst-System zurück wirkt. Jens Thomas betrachtet Street Art als Teil der Mediengesellschaft, setzt sich in diesem Zusammenhang mit den politischen und konsumkritischen Selbstverständnis seiner AkteurInnen auseinander und ordnet ihre Arbeiten in die aktuelle Ökonomie der Aufmerksamkeit ein. Auch Markus Ryll betrachtet Street Art als medial verbreitetes Phänomen, das einerseits aus seine lokale Kontextualisierung angewiesen und anderseits Bestandteil einer kulturellen Globalisierung geworden ist und damit auch innerhalb von Kämpfen um politische Hegemonie zu verorten ist. Christian Schmidt greift die Frage nach den politischen Dimensionen von Street Art auf und analysiert die subversiven Zeichensetzungen im öffentlichen Raum vor dem Hintergrund der Entwicklung städtischer Politik uznd Ökonomie im postfordistischen Kapitalismus.“

Comments

15 Comments so far. Leave a comment below.
  1. Kennst du “Street Art. Die Stadt als Spielplatz” von Daniela Krause und Christian Heinicke? Das dürfte auch schon gut drei Jahre alt sein, hebt sich aber m.E. von den üblichen Bildbänden besonders dadurch positiv ab, dass so manch ein bekannter Artist im Interview zu Wort kommt.

  2. at matthias :

    das ist der vorgänger von diesem buch ;)

    look at the autoren ….

  3. ps: berlinklüngel .. ja schade das klub7 nun auch immermehr nach berlin flieht , derweil ist halle&leipzig doch ein perfekter spielplatz , mit viel raum und wunderbaren brachen , kunsträumen und witzigen strassenjungs ( angefangen vom street art stammtisch ( lol ) in der similde, syru , emil …
    der hype nach berlin zu ziehen ist leider allerorten in der kunstwelt präsent..
    zum glück gibt es da ein dorf entlang des oberen flussllaufes der elbe in dem sich wacker einige leute halten ….. ich sach nur stickma, the inflammable fireboys , urban script continues – wir sind zwar das tal der ahnungslosen , aber manchmal ist s gut so :) )

  4. ach den shlomo F. hab ich noch vergessen

  5. @jensbesser: Hm? Ja das sind andere Autoren. Obwohl die Cover beider Büchern die obligate heruntergekommene Fassade als Hintergrund schmückt.

    (Aber derselbe Verlag, wie ich grad sehe…)

  6. ¿Only German? Is it worth buying anyway? Thanks!!

  7. Til,

    alles super. Mich würde mal interessieren, wie KünstlerInnen und WissenschaftlerInnen sich äußern würden, wenn sie auf der Straße arbeiten oder gar leben würden. (Sexarbeit, Taxi, Promotion, Verkauf (legal/illegal) von Getränken, Souvenirs…, etc…, und Obdachlose).

  8. *A,

    Hi Escrito en la pared! The book is worth buying for sure – but if you don’t understand german you won’t really enjoy this book – all the texts are in german and the book is more a collection about “contemporary street art theories”. Greetz, *A

  9. hey ihr lieben,
    um die sache mal etwas aufzuklären: ich bin mitherausgeber des ersten buches “die stadt als spielplatz”. für das zweite buch arbeitete ich “nur noch” als layouter, fotograf und autor.
    die idee war “legenden zur straße” an die erscheinung des ersten buches anzulehnen und so optisch einen zweiten teil zu schaffen.
    die arbeit an dem buch dauerte insgesamt drei jahre, so dass leider viele beiträge schon älter sind. aber das unterscheidet eben auch ein buch von einem mag. ein buch mit so viel künstlern und autoren zu koordinieren war extrem aufwendig und langwierig für die herausgeber und mich.

    greetz

  10. OMG .. was n das wieder für n geiler slang, just ? bin da ein bissl off the line ;)

  11. @Til: hab sowohl am buch als “wissenschaftler” mitgearbeitet, als auch als fahrradkurier auf der straße… so einfach ist die gegenüberstellung beider positionen nicht! straßenerfahrung allein bedingt nicht die reflexion über straße, vielleicht leiht sie content! aber sie macht vorallem einen text nicht unbedingt besser.

    R.

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