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Wollt Ihr die totale Rebellion? – Polemik zur ARTotale / UPDATE

Uni-Vize Holm Keller spricht bereits von einer “kleinen Dokumenta in Lüneburg”, schreibt das Hamburger Abendblatt. Hätte Keller die “Documenta” einmal besucht, dann wüsste er vielleicht, dass man die weltweit bedeutendste Ausstellungsreihe für zeitgenössische Kunst mit “c” schreibt. Aber wir wollen da ja nicht so kleinlich sein, denn immerhin geht es hier um das wahrscheinlich größte “Urban Art”-Event Deutschlands in diesem Jahr. Noch einmal Kellers Klartext dazu: “Es gibt Sachen, die werden wo drangehängt, es gibt Sachen, die werden wo draufgemalt, und es gibt Sachen, die werden wo hingestellt.” (*)

Hinter diesem Spektakel steckt mal wieder der Hamburger Sammler, Galerist, Berater und Kurator Rik Reinking – der zu “ARTotale – Leuphana Urban Art Project” (5. bis 9. Oktober 2009) folgende Künstler eingeladen hat: Adam & Akay, Akim, Alex Diamond, Almut Linde, Ash, Ben Eine, Brad Downey, Boris Hoppek, Boxi, Bronco, Daniel Man, Dave the Chimp, D*face, DTAGNO, Faith47, Flying Förtress, Herakut, Herbert Baglione, Jay-One, Loomit, Mirko Reisser (DAIM), Moki & 1010, Mode2, Pius Portmann, SKKI, Swoon, Tilt, Trica, Tryone, Vitché & Jana, Word2mother, Zevs, Zezao, 56K. Die volle Packung eben – bekannt aus Film, Funk und Reinkings Ausstellungen in Bremen, Silkeborg Bad, Wuppertal und Osnabrück. Immerhin tourt Reinking mit seinen “Happy Few” ja schon eine Weile durch Europa. Und ich kann mir die Gespräche mit den älteren Museumsdirektoren gut vorstellen. “Wollt Ihr die totale Rebellion?!”, wird er rufen. “Wollt Ihr die holde und wilde Jugend?!” Und auf Bestellung gibt’s dann ne Horde böser Street-Art-Kids. Damit habe ich ja auch kein Problem – aber schaut Euch doch bitte mal die Förderliste hier an. Die Europäische Union, YouTube/Google, Eliteuniversität St. Gallen, Allianz Versicherungen, Lüneburger Immobilienbesitzer, zum Beispiel. Schon eine merkwürdige Allianz (sic!) der neuen Gutmenschen, oder?

Und warum gab es da noch keinerlei kritische Stimmen? Na, weil so eben heute klassische Win-Win-Situationen aussehen: Der Oberbürgermeister ist glücklich – ”Damit bekommen wir die Verbindung, die wir uns zwischen Hansestadt und Universität immer vorgestellt haben” (Interview) – und die Universität Lüneburg sowieso. Denn da wird mal was für die neuen Studenten gemacht, man bekommt nationale Presse (“Der außergewöhnliche Dialog von Künstlern, Studierenden und Lüneburger Bevölkerung sowie von moderner Kunst und mittelalterlicher Altstadt wird von mehreren Fernsehsendern begleitet. Das Projekt erreicht hierdurch eine weitreichende Strahlkraft über die Stadtgrenze hinaus.” – Pressetext) und man kann sich so gut als Elite-Avantgardeuni positionieren (Fake-Kritik-Seite). Die neuen Studenten freuen sich, dass sie an einer so hippen Uni studieren dürfen und lernen bei der Aktion wenigstens mal die Stadt kennen (denn sie dürfen die Künstler mit der Videokamera begleiten und alles für YouTube/Google dokumentieren) und der Sammler Rik Reinking sowieso (er profitiert von einer Marksteigerung seiner Künstler und der Werke, die er schon besitzt – und natürlich auch von dem Renommee wieder eine Gruppenausstellung zum Thema Street Art kuratiert zu haben). Auch die Künstler steigern damit natürlich ihren Marktwert und die Preise ihrer Arbeiten – und ja, selbst die Immobilienbesitzer freuen sich über die Aufwertung ihrer Immobilien durch Kunst.

Aber, aber: Scheiß auf Gentrifizierung und all den Quatsch, ich will hier auch nicht als Spielverderber dastehen, denn das Lüneburger Spektakel wird bestimmt trotzdem ein dufte Event, weil sich viele Künstler garantiert nicht auf die komischen Deals einlassen (vorab gab es übrigens für alle Beteiligten dieses PDF mit legalen Graffiti-Wänden (“Potential Locations for the Street Art Event 2009 in Lüneburg“) und einfach ihr Ding machen werden – und hoffentlich alles in einem großen Chaos enden lassen. Hunderte planlose Erstsemester und rund 35 Künstler, von denen sich einige keinen Maulkorb anlegen lassen, werden dafür schon sorgen. Aber ich glaube trotzdem: Der Tag wird kommen, an dem wir uns wieder danach sehnen, dass Street Art illegal ist und mehr Feinde als Freunde hat – oder dass zumindest nicht sogar die Hausbesitzer über jeden neuen Schriftzug jubeln.

UPDATE, 8. September: Die Stadt als Gehege: Oh, die wilden Jungs dürfen doch nicht so richtig toben – denn da gibt`s ja auch noch ein paar crazy Klauseln im Vertrag! Danke für die Info, Dirk!

Comments

5 Comments so far. Leave a comment below.
  1. Just,

    Schoen geschrieben :-) ..aber, ich hoffe du kommst im Oktober auch mal kurz vorbei (natuerlich nur um vor Ort alles weiter kritisch zu beleuchten)!! Cu.

  2. el,

    guter text, siehe auch:
    “Im April 2007 gründet Reinking die Artfonds 21 AG, einer Aktiengesellschaft die Gewinnorientierung beim Aufbau einer Kunstsammlung zum erklärten Ziel hat.”
    http://de.wikipedia.org/wiki/Rik_Reinking

  3. dududu,

    Alain, du hast ja sooo Recht! Ist ja gut, dass man auch den street art Künstlern mal was zukommen lässt. Aber diese Art wäre mir zu entwürdigend! Dass man sich so prostituiert und sich sogar noch die Orte vorschreiben lässt, führt dazu, dass die gesamte Szene voll abkacken wird im Ansehen der freien Kunst und Kultur. Meine einzige Hoffnung: Kollegen, unterwandert diese Scheiße und zeigt ihnen, dass wir uns nicht an die Leine legen lassen – ansonsten seid ihr es nicht mehr wert, Künstler genannt zu werden, sondern nur noch Dekorateure des Establishments. Der Millionär Reinking kann mich…

  4. Hmm, ich habe ehrlich gesagt (jetzt am 4. Tag der ARTotale) nicht mitbekommen, das irgend ein Künstler sich der Leuphana-Propaganda verweigert hat.
    Einzige Ausnahmen sind a) Akim, den ich selber getroffen habe (mittlerweile werden aber die Erstsemestertutoren vor der Teilnahme an seinen Aktionen gewarnt) und b) Brad Downey, hab ich aber auch erst hier mitbekommen: http://www.rebelart.net/diary/?p=2228#comment-24790

    Klar, die Künstler aus dem Ausland sind entschuldigt, wie sollen sie auch mitbekommen, das sie hier instrumentalisiert werden… aber der Rest? Können Street Artist nicht googeln?

  5. Alles muss man selber machen:
    http://www.landeszeitung.de/lokales/hochschule/news/artikel/sprayer-nehmen-uni-aufs-korn/

    So, liebe Cräm de la Cräm der international urban street art szene, so sieht gemeine und provokante Straßenkunst aus.

    Zugegeben, die gekauften KünstlerInnen haben hübscher gemalt. Deswegen organisiert die Unileitung ja auch Stadtführungen, um die ARTotale-Werke vorzuführen. Finde ich irgendwie merkwürdig: vor 4 Wochen war das noch (angeblich) heiß umkämpfte subversive Straßenkunst hart an der Grenze zur Illegalität, nun gibts bei der Tourist-Info Stadtkarten mit den “schönsten Graffitis in Lüneburg”.

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